Pointner Familie Wichtigste
 

Pointner: "Familie ist das Wichtigste"

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  • 27.02.2012 | 10:04 | (sport10)

    ÖSV-Cheftrainer Alex Pointner analysiert auf sport10.at das Geschehen im Adlerhorst. Teil 16: Die unvorhersehbare Herausforderung und die Persönlichkeit vom "Champion der Herzen."

    Es war keine einfache Situation für ÖSV-Cheftrainer Alexander Pointner, als er noch vor dem Skiflug-WM am Donnerstag wegen einer Erkrankung eines seiner Kinder die Heimreise antreten musste. Dennoch gab es in Vikersund wieder sportliche Höhenflüge der ÖSV-Adler. Mit sport10.at spricht der Chefadler über diese Herausforderung, die Persönlichkeit vom "Champion der Herzen" Martin Koch und warum es auch im Leben von Akteuren im Spitzensport nichts Wichtigeres, als die Familie gibt.

    sport10.at: Alex, zu Beginn die Frage: Wie geht es der Familie?

    Alexander Pointner: Ich möchte dazu nichts sagen, bitte da um den Respekt gegenüber meiner Familie, die mich zuhause gebraucht hat. Es hat jeder von der Mannschaft verstanden, was mich sehr glücklich macht. Ebenso, dass die sportliche Ebene bei der Weltmeisterschaft darunter nicht gelitten hat. Jeder ist bei sich geblieben, die gesamte Mannschaft hat tolle Moral bewiesen, da bin ich sehr stolz drauf.

    Das Team war mit Alexander Diess, Markus Mauerberger, Heinz Kuttin und Ernst Vettori sehr gut aufgestellt. Dennoch war es eine Ausnahmesituation.

    Es war immer schon eine große Intention von mir, dass ich ein sehr gutes Team über die Jahre hinweg aufstelle. Wir haben es immer wieder geschafft, obwohl es über die Jahre hinweg immer wieder Wechsel gegeben hat. Wir arbeiten immer mit den besten Leuten zusammen, so hat es auch die Weltmeisterschaft gezeigt. Ich habe versucht, ein Team zusammenzustellen, bei dem ich mir sicher war, dass alles bestens vorbereitet ist. Auch wenn ich schlussendlich nicht gewusst habe, dass ich selber nicht dabei sein kann.

    Die Planungen umfassten also mehr als das Trainerteam?

    Das hat bereits mit unserem Tourbus angefangen, der sowohl als Rückzugsort an der Schanze, als auch zum Transportmittel zur Schanze genutzt wurde. Ich habe mir schon im Vorhinein gedacht, gerade in Vikersund kann es längere Pausen geben. Außerdem hatten wir unseren Koch dabei, der schon zwei Mal beim Sommer-GP für uns kochte, den die Mannschaft gut kennt. Hier wurde für die Ernährung die optimale Basis geschaffen.

    Wir sind jetzt sicher wieder eine gute Stufe höher, sind weiter als vor einem oder zwei Jahren. Wir haben uns wieder weiterentwickelt.

    Natürlich auch mit unseren zwei Stützpunkttrainern aus Innsbruck (Mauerberger) und Villach (Kuttin). Wir hatten auch Ulrich Conrady (audiovisuelles Coaching, Anm.) dabei, mit dem wir schon vier Jahre zusammenarbeiten. Natürlich auch unser Kernteam, dem ich zu 100 Prozent vertraue, weil sie einfach eine tolle Arbeit leisten. Im Hintergrund gibt es dann die schützende Hand mit Ernst Vettori, der mit menschlichen Werten jedes Problem auffangen kann. Er hat dem Ganzen die Sicherheit vermittelt.

    Für dein Team war es also eine Art neue Erfahrung?

    Es ist alles den Weg gegangen, so wie wir es gewohnt waren. Das war eine wichtige Erfahrung, weil wir gesehen haben, dass wir in einem funktionierenden System arbeiten und wir selbst, wenn etwas unerwartetes Eintritt funktionsfähig bleiben. Darauf können wir stolz sein, weil jeder etwas dazu beigetragen hat.

    Nach der Teamtour hast du gemeint, ihr seid noch enger zusammengewachsen. Schweißen eine solche Situation, die mit Gold im Teambewerb gekrönt wurde, jetzt noch mehr zusammen?

    Auf jeden Fall. Das ist die Bestätigung von dem, in welche Richtung es schon in Willingen gegangen ist. Damals machten wir keine Sitzung weil wir Zweiter wurden, sondern weil ich spürte, dass eine wichtige Kraft in unserer Mannschaft fehlte: Es hat sich nicht mehr jeder sicher gefühlt, nicht mehr zu 100 Prozent wohl gefühlt. Solche Dinge spricht man nicht an, wenn man gewinnt. Wir haben dort zu viele Fehler gemacht, die eine Ursache haben müssen. Das lag nicht am sportlichen Unvermögen.

    Es war der Wunsch jedes Athleten wieder neu zu sensiblisieren. Jeder hat zwei Wochen daran gearbeitet, dass wir noch stärker zusammenarbeiten, die Kräfte noch stärker gebündelt werden. So kam es, dass in Oberstdorf schon wieder sehr gut gesprungen wurde. Nicht weil wir das Skispringen davor verlernt haben, sondern weil wir diese zusätzliche Sicherheit wieder gefunden hatten. Wir haben das beste Mannschaftsgefüge im Weltcup, doch auch daran gehört täglich gearbeitet. Wir sind jetzt sicher wieder eine gute Stufe höher, sind weiter als vor einem oder zwei Jahren. Wir haben uns wieder weiterentwickelt.

    Er ist sicher der Champion der Herzen, jeder der Martin etwas kennt, weiß was Skifliegen für ihn bedeutet.

    Wie hast du die Leistungen eines Martin Koch wahrgenommen? Vor allem seinen Sturz und die Reaktion darauf?

    Martin ist ein ganz eigener Typ, ein unheimlich wichtiger Baustein in unserer Manschaft, der es schon unheimlich schwer hatte vor einigen Jahren. Da steckte er ganz tief in einem Loch. Er weiß, was es bedeutet, ein Spitzensportler zu sein. Er genießt und erfreut sich an diesem Stellenwert. Er ist eine ganz eigene Persönlichkeit, die er bei dieser Weltmeisterschaft wieder unter Beweis gestellt hat. Er ist sicher der Champion der Herzen, jeder der Martin etwas kennt, weiß was Skifliegen für ihn bedeutet.

    Und zwar?

    Da gibt es nicht nur das erfolgsorientierte Denken, er ist einer, der das Skifliegen lebt und sich damit identifizieren kann, in der Luft zu schweben. Es gibt niemanden, der Martin den WM-Titel nicht gegönnt hätte. Er hat ihn nicht bekommen und doch hat er es wieder geschafft, der Weltmeisterschaft seinen Stempel aufzudrücken und mit einem Sturz eine Medaille zu gewinnen. Das ist eine besondere Auszeichnen, auch seine Umgangsweise im Nachhinein.

    Eine Weltmeisterschaft kostet viel Kraft. Wie musst du als Trainer jetzt die letzten Wettkämpfe angehen, um die Kräfte zu mobiliseren?

    Jeder der Skifliegen war, hat eine besondere Leistung gebracht. Es war ein Skiflugwochenende, dass sehr oft an die Grenzen des Machbaren gekommen ist aufgrund der äußeren Verhältnisse. Es war für jeden Skiflieger sicher eine Gratwanderung. So wie die WM von unserer Seite vorbereitet war, haben wir in Sachen Regeneration alles richtig gemacht. Obwohl natürlich viel gearbeitet wurde, etwa bei Gregor, der viel Materialabstimmung betrieb, oder bei Thomas Morgenstern, der zu Beginn nicht ganz fit war oder die besondere Situation eines Andi Kofler, der nur mit einem optimalen, ausgeruhten Zustand die Challenge Skifliegen erfolgreich überstehen kann. Das ist alles gelungen.

    Jetzt ist wichtig, dass man zwei Tage abschaltet und sich die nötige körperliche und geistige Energie holt und dann stehen noch drei ganz tolle Wochen vor uns mit dem Nordic Tournament und dem großen Finale in Planica. Wir werden noch tolle Erlebnisse haben.

    In manchen Situationen merkt man einfach, dass das Leben sehr vielschichtig und das Wichtigste die Familie ist. Da bin ich sehr froh, dass ich den Weg so gegangen bin.

    Die Weltmeisterschaft im Rückspiegel. Glaubst du an einen österreichischen Gesamtweltcupsieger?

    Natürlich, wir werden alles daran setzen. Wir werden nachhaltig und professionell an die Sache herangehen. Es sieht gut aus. Die Konkurrenz ist natürlich stark, doch das ist gut für unseren Sport. Auch die Skiflug-WM hat gezeigt, dass auch die ÖSV-Erfolge nicht selbstverständlich sind. Die letzten drei Wochen machten uns noch transparenter und die Wertschätzung vor unserem Team ist in der Öffentlichkeit nochmals gewachsen, weil man gesehen hat, dass wir mit vielen Situationen umgehen können und nicht nur das verbissene Leistungsdenken da ist, sondern mehr. Das macht die Gesamtheit von Sportlerpersönlichkeiten aus.

    Abschließende Frage: Wirst du in Finnland wieder dabei sein?

    Wenn es die familiäre Situation erlaubt, werde ich in Lahti wieder dabei sein. Ich bin sehr froh, dass ich vergangene Woche die Entscheidung so treffen konnte. In manchen Situationen merkt man einfach, dass das Leben sehr vielschichtig und das Wichtigste die Familie ist. Da bin ich sehr froh, dass ich den Weg so gegangen bin. Ich kann dem Team nur 'Danke' sagen, dass wir am vergangenen Mittwoch noch alles in die Wege leiten konnten. Am Ende war es wichtig, dass die Athleten und Betreuer diese verantwortungsvollen Aufgaben meistern konnten.

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