Morgenstern ueber Limit
 
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Morgenstern: "Da war ich über dem Limit"

Thomas Morgenstern im Interview mit sport10.at Wo das Sandkorn im Getriebe steckt, warum sein Sprung "tödlich" sein kann und eine solche Saison Trainer und Flieger zusammenschweißt.

21.02.2012 | 11:01 | (sport10)

Wenn am Mittwoch das Flugzeug der ÖSV-Adler in Vikersund landet und Thomas Morgenstern norwegischen Boden betritt, wird er wohl für einen kurzen Moment wieder abheben. Vor etwas mehr als einem Jahr war es, als der 25-Jährige beim Skifliegen in Norwegen seine Traumsaison mit dem frühzeitigen Triumph im Gesamtweltcup krönte und als großer Held in Vikersund gefeiert wurde. 

Im Jahr 2012 geht es im hohen Norden nun um veredelte Medaillen. Nach dem Skifliegen in Oberstdorf, dass für den Kärntner "ein Schritt in die richtige Richtung war", steht mit der Skiflug-WM das zweite Saisonhighlight neben der Vierschanzentournee an. Vor dem Start der WM spricht Morgenstern mit sport10.at über "tödliche Sprünge", wie er das Sandkorn im Getriebe finden will und warum seine Rolle "Part of the Game" ist.

sport10.at: Thomas, ruft man auf der FIS-Seite deine Saisonergebnisse auf, würde es im Skisprungzirkus viele Athleten geben, die mit deinen Ergebnissen zufrieden wären. Wie hoch ist der Zufriedenheitsgrad derzeit bei dir selbst?

Thomas Morgenstern: Zufrieden ist immer relativ. Der heurige Winter ist sicher nicht der einfachste, bisher war das Ganze einfach etwas verhext. Es gab nicht wirklich viele Wettkämpfe bei denen es normal und locker zuging. Grundsätzlich muss man sagen, dass ich im Weltcup an fünfter Stelle stehe, nicht weit weg bin vom vierten Platz und ich war ja schon einige Male am Stockerl.

Womit bist du derzeit noch unzufrieden?

So wie sich der Sprung anfühlt, damit bin ich - über die gesamte Saison gesehen - noch nicht zu 100 Prozent zufrieden. Von meiner Wahrnehmung her fehlt derzeit noch ein bisschen was auf das Feeling der Vorsaison, wo alles so locker von der Hand ging. Es stimmt mich jedoch extrem positiv, dass ich noch immer ganz vorne mitmischen kann, was die Stockerlplätze und der Sieg in Bischofshofen auch zeigen. Das Wichtigste für mich ist es jetzt weiterzuarbeiten, für die Sprünge wieder ein Gefühl zu haben. Da bin ich auf einem guten Weg.

Du hast gerade die Wahrnehmung angesprochen. Auf deiner Homepage war zu lesen, dass du dich von schlechten Ergebnissen nicht täuschen lassen willst. Wie wichtig ist dir deine eigene Wahrnehmung?

Die ist auf jeden Fall wichtig, weil es durch die vielen Erschwernisse problematisch ist ein gutes Gefühl aufzubauen. Für mich heißt das, die Technik, die ich mir vorstelle bei drei vier guten Sprüngen durchgehend zeigen zu können. Das könnte sich auch viel schneller und leichter aufbauen, wenn das Wetter nicht so turbulent wäre. Doch das kann ich nicht beeinflussen. Ich probiere und tue alles für die Herausforderung, die ich auch dankend annehme.

Nach einer so bombastischen Saison wie der vorigen war ja auch dir selber klar, dass es in der neuen Saison nicht nahtlos so weiter gehen würde. Ganz banal gefragt, mit der Hoffnung auf eine milde Antwort: Warum ging es nicht weiter?

(lacht). Da spielen natürliche mehrere Faktoren eine Rolle, die ich selber erst auf einen Nenner bringen muss. Natürlich habe ich schon in der Vorbereitung wie immer nichts dem Zufall überlassen, habe super weiter trainiert. Ich bin ein hartes Trainingsprogramm im Sommer gefahren, vielleicht war ich dort über dem Limit, habe zu viel gemacht. Im Herbst raus war ich dann nicht hundertprozentig fit.

Beim Start in den Winter musstet ihr dann zusätzlich auf die weiße Pracht größtenteils verzichten.

Ja, vor dem Auftakt in die Saison konnten wir wetterbedingt keine Schneesprünge absolvieren, gerade da, wo wir das Material etwas verfeinern hätte können. Die vielen unterschiedlichen Bedingungen haben wir bereits angesprochen, da kommen schon einige Faktoren zusammen. Auch die Erwartungshaltung nach der letzten Saison ist sicher nicht kleiner geworden.

Ich bin ein hartes Trainingsprogramm im Sommer gefahren, vielleicht war ich dort über dem Limit, habe zu viel gemacht.

Ist die Rolle von deinem Stützpunkttrainer Heinz Kuttin in dieser Saison vielleicht wichtiger als letztes Jahr?

Würde ich so nicht sagen. Doch es hat uns wieder eine Stufe weiter und enger zusammengebracht. Es ist wieder ein Jahr mehr, natürlich war es letztes Jahr leichter. Wenn du auf dieser Welle oben bist gibt es nicht viel zu tun, zu ändern oder zu analysieren. Heuer war es ab dem Herbst sicher schwieriger.

Da hat es eben aus den verschiedenen Gründen einen Hund reingehaut, wie man so schön sagt. Den gilt es auszumerzen. Da geben wir gemeinsam - speziell mit Heinz in der Heimat - Gas, um das Sandkorn zu finden. Eines ist klar: Mein Sprung ist nicht der leichteste, was meine Technik betrifft. Da geht es dann um die Kleinigkeiten. Derzeit fuchst das Timing etwas, ich bin immer zu früh. Das ist natürlich tödlich bei meinem Sprung.


Trotz Schwierigkeiten: Morgenstern bleibt locker und entspannt.

Im ÖSV-Team fällt schon seit einigen Jahren auf: Kämpft einer mit dem von dir zitierten "Hund", rückt ein anderer nach und fliegt an die Spitze. Ist euch das innerhalb der Mannschaft so bewusst?

Das ist im Prinzip ein schönes Gefühl für das Team. Wenn ich daran denke, wie zum Beispiel Kofi (Andreas Kofler, Anm.) gestartet ist, wie gut ein Gregor springen kann, diese Leistungen kommen nicht von irgendwo und da bin ich auch dabei. Die Rollen haben sich verändert, das ist "Part of the Game", es kann nicht jedes Jahr auf dem höchsten Level sein. Ich weiß auch nicht, ob ich das unbedingt wollen würde, wenn alles immer so leicht von der Hand geht. Natürlich strebt man es an, aber auf der anderen Seite sind gewisse Niederlagen große Herausforderungen an denen man wachsen und sich entwickeln kann. Es ist klar: Das ist Jammern auf sehr hohem Niveau.

Wie sahen deine letzten Vorbereitungen auf die Skiflug-WM aus?

Das Skifliegen vor der WM war cool, es war wichtig noch mal auf eine Skiflugschanze zu kommen. Danach passierte nichts mehr Dramatisches. Am Montag gab es noch Videoaufnahmen mit Red Bull zuhause. Dann noch Krafttraining, dann ging es nach Vikersund. Viel hätte man da nicht mehr ändern können.

Nach dem Heimfliegen am Kulm und der Station in Oberstdorf bist du als Vierter bester Österreicher im Skiflug-Weltcup. Beim Fliegen gibt es ja nicht viel zu ändern, oder?

(lacht) Es ist natürlich ein schönes Gefühl. Ich weiß, dass ich im Skifliegen einiges gelernt und weiterentwickelt haben, um auch dort Siegen zu können. Die Ergebnisse am Kulm waren wirklich lässig, das hat mich unheimlich gefreut.

Die Relevanz für mich, einen Weltrekord zu springen ist nicht so hoch.

Auch heuer soll wieder ein neuer Weltrekord in Vikersund möglich sein. Was kannst du dieser Weitenjagd abgewinnen?

Ich finde es cool und positiv und auch im Bereich des Möglichen. Das ist das geringste Problem. Da mache ich mir keine Gedanken. Mir geht es nicht darum dort einen Weltrekordversuch aufzustellen, der müsste ohnehin passieren. Die Verhältnisse müssten passen, die richtige Anfahrtslucke gewählt sein, die Jury müsste auch einen Weltrekord wollen - und natürlich braucht man den richtigen Sprung. Da muss alles zusammenpassen. Die Relevanz für mich, einen Weltrekord zu springen ist nicht so hoch.

Welchen Stellenwert hat diese WM für dich?

Der ist groß. Ein Skiflug-WM-Titel ist das letzte Korn, dass mir noch fehlt. Die eine oder andere Chance habe ich bestimmt noch, um auch dieses Ziel zu erreichen. Diese Woche gibt es die nächste Möglichkeit dazu, darauf freue ich mich natürlich riesig.

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