Pointner Respektlos gegenueber Athleten
 
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Pointner: "Respektlos gegenüber Athleten"

ÖSV-Cheftrainer Alex Pointner analysiert auf sport10.at das Geschehen im Adlerhorst. Teil 11: Warum "the Show must go on" nicht immer stimmt und Befreiungsschläge von enormer Bedeutung sind.

23.01.2012 | 08:01 | (sport10)

Zakopane war für den Skisprungzirkus eine Achterbahnfahrt, die nicht immer lustig war. So nahm es auch ÖSV-Trainer Alexander Pointner wahr. In der Chefadlerlyse mit sport10.at spricht er über schlechte Entscheidungen, mögliche Veränderungen, große Sieger und klare Ansagen.

sport10.at: Alex, so schön der Samstag für Skisprungfans und auch für Gregor Schlierenzauer war, so traurig war es am Freitag, als die Top-Ten-Springer quasi ins Verderben geschickt wurden. Deine Sicht der Dinge?

Ich habe relativ schnell mit dem Thema abgeschlossen. Ich weiß, dass es unsere Kernaufgabe ist, die Athleten vorzubereiten, damit sie am nächsten Tag wieder gute Leistungen bringen können. Eine Mannschaft darf sich durch solche Dinge nicht aushebeln lassen, gerade wenn man so eine leistungsfähige Mannschaft hat. Da wird von allen Seiten versucht, ein Ungleichgewicht herzustellen. Deshalb muss man auch sehr aufpassen, wie weit man sich emotional mitreißen lässt.

Du hast am Freitag im Interview mit dem ORF doch sehr klare Worte gefunden, als du etwa gemeint hast "der Bogen wurde überspannt."

Ja, man muss auch mal klare Töne sprechen. Es war meines Erachtens einfach respektlos, wie man mit jenen Athleten umgegangen ist, die über die ganze Saison hinweg schon so viel Verantwortung übernehmen und vorbildhaft für den Skisprungsport arbeiten. Dann wird nicht mal nachgedacht, ob man wegen Wind und Schnee eine kurze Pause einlegen könnte. Das habe ich in der Situation am Freitag definitiv nicht verstanden.


Morgenstern und Co. wurden bei untragbaren Verhältnissen von der Schanze gelassen.

Von diesen Entscheidungen war eigentlich die gesamte Topgruppe betroffen.

Das ging natürlich nicht nur mir so. Spätestens nach Andres Bardal, der genauso um den Gesamtweltcupkämpft und dann nicht in den zweiten Durchgang kommt. Da stimmen einige Sachen nicht. Da so drüberzufahren und die Ahtleten zum Spielball zu machen und nur auf "the Show must go on" zu schauen, ist nicht in Ordnung. Zumal fünf Minuten später der Schneefall komplett aufgehört hat.

Athleten müssen Rückschläge immer relativ schnell abhaken können. Geht es da dir als Trainer ähnlich, um den Fokus nicht zu verlieren?

Dass ist eben rasch nach dem Wettkampf am Freitag geschehen. Ich habe unsere subjektive Wahrnehmung erklärt, habe es der Jury und dem TD-Assistent mitgeteilt. Doch ich muss dann anfangen, dass ich diese Emotionalität herausbringe und die Ahtleten bestens vorbereitet sind für den nächsten Tag.

Es war meines Erachtens einfach respektlos

Es gab auch Gespräche, wie man die Besten im Weltcup noch besser schützen könnte.

Genau, wir haben Gespräche geführt, ob sich die besten zehn Athleten verknüpfen sollten, damit es auch ein Athletensprachrohr gibt. Es gibt zwar - ausgehend von der FIS - Athletensprecher in allen Disziplinen. Österreich etwa kann jedoch keinen Stellen, weil wir im Freestyle-Sport schon eine Ahtletensprecherin haben. Ähnlich geht es auch andere Nationen. Doch es muss eine Stimme der Athleten da sein, damit die Sportler ihre Eindrücke auch schildern können.

Aufgrund der Wetterkapriolen, dem Sturz von Thomas Morgenstern und den ungeheuren Zuschauermassen muss man die Leistung eines Kamil Stoch besonders hoch einschätzen, oder?

Auf jeden Fall. Ich möchte ihm gratulieren und meine Anerkennung aussprechen. Es ist keine alltägliche Leistung, in die Fußstapfen eines so großen Vorbilds, wie Adam Malysz es war, zu treten. Das ist auch sehr wichtig für Polen und den polnischen Skisprungverband. Stoch konnte mit dem Druck, der vor dem Heimspringen auf ihm lastete, wirklich hervorragend umgehen und hat verdient gewonnen.


Pointner zeigte sich von seiner Leistung angetan: Der Pole Kamil Stoch.

Auch im ÖSV-Team muss man sich um die drei Top-Springer eigentlich keine Sorgen machen. Gregor Schlierenzauer landet einen Befreiungsschlag, Andreas Kofler geht unbeirrt seinen Weg und Thomas Morgenstern hat seinen Sturz halbwegs gut verkraftet.

Die drei sind definitiv auf ihrem Weg. Thomas Morgenstern etwa, der ein tolles Kulm-Wochenende hatte und für den es in Zakopane nicht so rund lief. Bei der Qualifikation am Donnerstag haben wegen widrigen, aber springbaren Bedingungen zwei Springer vor ihm die Ski abgeschnallt - auf ein Mal musste er runter und wusste nicht, was los war. Eine schwierige Situation für ihn. Am Freitag kam dann der Sturz, hier wurde er einfach ins Verderben geschickt. Am Samstag hat er dann gekämpft. Es ist zwar nicht alles aufgegangen, doch er ist nach wie vor ganz dick da. Zakopane ist in seiner Karriere ein schwieriges Pflaster, auf anderen Schanzen ist er wieder in seinem Lauf drinnen.

Es ist zwar nicht alles aufgegangen, doch er ist nach wie vor ganz dick da.

Von schweren Situationen kann auch ein Gregor Schlierenzauer ein Lied singen.

Bei Gregor war es ähnlich. Zuerst die Reißverschlussgeschichte, dann die Windlotterie im ersten Zakopane Springen. Das war am Samstag eine befreites Springen mit zwei perfekten Sprüngen. Andi Kofler hatte diesen Befreiunggschlag schon am Freitag mit seinem zweiten Sprung vom 14. auf den dritten Rang. Am Samstag ist ihm zwar der zweite Sprung nicht ganz so geglückt, doch man muss auch sagen können: Ein vierter Platz ist sehr gut.

Anders läuft es derzeit bei Martin Koch. Er pflegt auf Facebook einen sehr offenen und ehrlichen Umgang mit seinen Fans, meint dort selber "es ist einfach der Wurm drinnen." Wo muss man da ansetzen?

Martin wird die Reise nach Sapporo nicht antreten, dass wurde schon vor Zakopane entschieden. Bei ihm stellen wir schon die Weichen in Richtung Skiflug-WM. Martin schreibt ganz offen, dass der Wurm drinnen ist, doch hinter den Kulissen wissen wir, dass da kein Wurm drinnen ist, sondern einfach Kleinigkeiten dafür entscheidend sind, damit er wieder ganz vorne dabei ist.

Dass weiß ich und auch Martin selbst. Am Samstag hatte er bei er Quali auch schlechte Verhältnisse mit Rückenwind, die ihn nicht unbedingt unterstützen. Wenn wir bei ihm etwas an den Schrauben drehen und ein Wettkampf anders verläuft, sieht es schon wieder ganz anders aus. Dessen sind wir uns bewusst. Wie knapp das ist, sah man in Engelberg (Koch wurde 2., Anm.).

Ähnliches gilt wohl für David Zauner, der derzeit etwas mit der Brechstange hüpft.

David ist ein ganz spezielles Thema. Hier fahren wir eine ganz eigene Schiene. Er muss keine Leistung rechtfertigen. Er war vorher ein ganzes Jahr außer Gefecht und lieferte heuer schon gute Ergebnisse ab. Auch in Zakopane war ich mit ihm zufrieden. Die innere Sicherheit fehlt noch ein wenig. Da ist es wirklich ähnlich wie bei Martin Koch: Es kann sehr schnell gehen, dass er ganz vorne dabei ist.

Trittst du selber die Reise nach Japan an, oder werden dich dort andere Trainer vertreten?

Es werden mich andere Trainer vertreten, die immer eingebunden sind. In Sapporo wird mich Harald Diess, der Stützpunkttrainer in Salzburg ist, vertreten. Er befindet sich mit dem Conti-Cup-Team bereits jetzt in Sapporo. Das verläuft jedes Jahr ähnlich. Wir werden zuhause die Zeit nutzen, um eine andere Perspektive zu bekommen, einige Eintscheidungen zu überlegen und die Planung für die restliche Saison voranzutreiben.

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