Poitner Entwicklung muss weitergehen
 

Pointner: "Kofler hat nichts ausgelassen"

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  • 05.12.2011 | 08:43 | (sport10)

    ÖSV-Cheftrainer Alex Pointner analysiert auf sport10.at das Geschehen im Adlerhorst. Teil 3: Warum der "neue" Andi Kofler mit dem alten nichts zu tun hat und die Jury nicht zu beneiden ist.

    Andreas Kofler ist derzeit das Maß aller Dinge im Skisprungzirkus. Der Österreicher feierte am Sonntag beim Weltcup-Bewerb in Lillehammer (NOR) den dritten Sieg im dritten Springen. Selbst die vom Wind massiv beeinträchtigten Bedingungen konnten Kofler nicht stoppen. Auf sport10.at erklärt Cheftrainer Alex Pointner in der Chefadlerlyse, warum der "neue" Andreas Kofler mit dem "alten" Sportler nichts mehr zu tun hat, seine Entwicklung mit jener von Thomas Morgenstern zu vergleichen ist und er die Jury in keinster Weise um ihren Job beneidet.

    sport10.at: Alex, für viele ist überraschend, dass Andreas Kofler trotz sehr weniger Trainings besser springt als ein Thomas Morgenstern oder ein Gregor Schlierenzauer. Wie kann man das einem Laien erklären?

    Alexander Poitner: Da gibt es verschiedene Gründe. Es kommt oft vor, dass einfach viele verschiedene Sachen zu einem Produkt zusammenlaufen, die so in dieser Form dann auch nicht kopierbar sind. Der frühere Andi Kofler, der sowohl körperlich als auch geistig höchst belastet war, und der jetzige, das sind zwei verschiedene Sportler.

    Wie kann man das verstehen?

    Andi Kofler hat nebenbei die Polizeiausbildung gemacht, die ihn zusätzlich gefordert hat. Genau das ist in gewissen Entwicklungsstufen von Sportlern sehr wichtig, dass sie nebenbei auch eine andere Herausforderung haben. Bei ihm sind jetzt mehrere Sachen zusammengekommen, die alles in allem sehr gut miteinander harmonieren. Er hat nichts ausgelassen und ist - so wie alle meine anderen Athleten - ein Sportler, wie man ihn sich wünscht. Sie machen im Training allesamt eher zu viel als zu wenig, jemanden antreiben zu müssen ist bei uns ein Fremdwort.

    Kofler wirkt jetzt wesentlich entspannter, viel gelassener. Wie ist es dazu gekommen?

    Kofler hat früher Tag und Nacht akribisch daran gearbeitet, besser zu werden. Das ist auf Dauer natürlich sehr, sehr anstrengend. Er hat ein unheimliches Trainingspensum abgespult, war nicht von Anfang an für eine gute Sprungkraft prädestiniert - das hat er sich alles hart erarbeitet. Jetzt hat er vor der Saison zwei Monate lang eine intensive ärztliche und physiotherapeutische Betreuung genossen, wo auch sehr viel Wert darauf gelegt wurde, dass er die Übungen richtig macht. Früher gab es für ihn nur schneller, höher und weiter, weshalb das jetzt ein ganz anderer Zugang für ihn war. Das Resultat: Er ist ausgeruht und dennoch topfit.

    Der frühere Andi Kofler, der sowohl körperlich als auch geistig höchst belastet war, und der jetzige, das sind zwei verschiedene Sportler.

    Bei Thomas Morgenstern hieß es in der letzten Saison: "Vom Morgi zum Thomas". Kann man die Entwicklungen der beiden miteinander vergleichen?

    Alle meine Springer sind in einem Alter, in dem sie von 0 auf 100 in der Öffentlichkeit standen, plötzlich bekannt waren und für viele junge Sportler einer Vorbilderrolle einnahmen. Da spielen dann sehr viele Faktoren zusammen, um für sich selbst die richtige Position zu finden. Da gehört einiges dazu, solche Zeiten positiv zu überstehen, weshalb es speziell bei den Skispringern schon sehr viele Athleten gegeben hat, die nach anfänglichen Erfolgen versunken sind und danach auch im Alltagsleben Probleme hatten, Fuß zu fassen.

    Eine Entwicklung, die immer weitergehen sollte?

    Auf jeden Fall. Gregor Schlierenzauer ist 20 Jahre alt und schon jetzt unheimlich erfolgreich. Trotzdem muss man weitere Entwicklungsschritte zulassen. Das ist bei Thomas Morgenstern und Andi Kofler passiert, die so einen wichtigen Grundstein gelegt haben. Es sind sehr viele verschiedene Sachen von Nöten, um nachhaltig erfolgreich sein zu können. Einer davon ist mit Sicherheit die innere Ruhe, aber auch das Stehen auf eigenen Füßen gehört dazu. So macht jeder seine Entwicklungsschritte durch.

    In der Vergangenheit hatte Andi Kofler häufig Probleme bei der Landung. Davon war in der laufenden Saison bisher nichts zu sehen. Wie wurde daran gearbeitet?

    Auch diesbezüglich laufen ganz viele Schienen zusammen. Zunächst geht es um die Basis, da wird auch beim Techniktraining in den einzelnen Stützpunkten sehr viel getan. In den zwei Monaten vor dem Saisonstart wurde dann daran gearbeitet, die symmetrische Bewegung noch einmal neu aufzubauen. Auch das hilft sehr. Das physiotherapeutische Training war diesbezüglich natürlich enorm wichtig.

    Wechseln wir das Thema. Das Wochenende war vom wechselnden Wind geprägt, die Jury hat dabei oft überfordert gewirkt ...

    Die Problematik ist, dass man im Nachhinein natürlich immer gescheiter ist. Hinter solchen Entscheidungen steckt natürlich auch sehr viel Lotterie dahinter - in Kombination mit Erfahrung versucht man dann die richtigen Entscheidungen zu treffen. Ich wüsste ehrlich gesagt nicht, wie man es besser machen könnte. Der Wind hat ständig gewechselt, sich nie wirklich engependelt. Ich beneide die Jury in jedem Fall nicht. Sie haben mit bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Mit dem alten Reglement hätte man einem solchen Tag mit Sicherheit kein Springen durchführen können.

    Die österreichische Mannschaft ist mit dieser Situation sehr gut umgegangen ...

    Ja, man muss sachlich bleiben und darf sich durch solche Dinge nicht rausbringen lassen. Das ist uns sehr gut gelungen. Die Springer sind bei sich geblieben und haben ihren Job gemacht. Das hat uns als Mannschaft ausgezeichnet. Unsere Top-Drei-Springer haben das Wochenende insgesamt gesehen sehr gut überstanden. Es hat fast niemanden gegeben, der bei diesen nicht zu beeinflussenden Faktoren nicht aus der Balance geraten ist - wir haben das geschafft und das, obwohl derartige Verhältnisse für absolute Spitzenspringer nur schlecht sein können. Diese Gedanken wurden aber voll ausgeblendet - mit Erfolg.

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