Koennten SkisprungAuftakt vorverlegen
 

"Könnten Skisprung-Auftakt vorverlegen"

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  • 27.11.2012 | 09:20 | (sport10)

    FIS-Rennleiter Walter Hofer hat Skispringen groß gemacht. Im sport10.at-Interview spricht der Kärntner über seine neuesten Reformideen und verteidigt die seltsam anmutende WM-Vergabe.

    Viele TV-Zuseher kennen ihn nur als den Mann mit dem Funkgerät, der nur dann gezeigt wird, wenn es beim Skispringen eine wetterbedingte Unterbrechung gibt. Er selbst beschreibt sich gerne als Sekretär der FIS, tatsächlich ist der Österreicher Walter Hofer eine Schlüsselfigur im Skisprung-Zirkus.

    Seit 21 Jahren als Rennleiter im Einsatz, sorgt er nicht nur für die reibungslose Umsetzung der Bewerbe, sondern hat den Sport entscheidend mit- und umgestaltet. Wind- und Gateregel, BMI-Regel, Materialbeschränkungen - die Regelreformen in der Ära Hofer waren nicht unumstritten, haben aber dafür gesorgt, dass Skispringen fernsehtauglicher geworden ist und sich mittlerweile großem medialen Interesse erfreut.


    Walter Hofer bei der Arbeit.

    Die SportWoche bat den mächtigen Funktionär für ihre aktuelle Ausgabe zum Interview. Lesen Sie in Teil 2 des Gesprächs auf sport10.at, was Hofer über eine Ausdehnung des Weltcup-Kalenders denkt und wie er die neue Gate-Regel und die WM-Vergabe an Val die Fiemme verteidigt.

    sport10.at: Sie sind seit 1991 im Amt. Seitdem hat sich unter ihnen extrem viel getan.

    Walter Hofer: Ich sag nicht gern unter mir, weil ich ja nur der bin, der das Ganze koordiniert. Alles was entschieden wird passiert in der FIS. Ich bin der, der es umsetzt.

    Zum Beispiel die Gate-Regel. Wird sie nicht oft viel zu exzessiv angewandt, weil sich die Jury zum Start des Bewerbes für eine viel zu lange Anlauflänge entscheidet?

    Ja, das ist durchaus passiert. Aber auch wir mussten erst dazulernen.Eine Maßnahme um unserer Jury Unterstützung zu geben ist, dass der Trainer nun auch in der Lage ist zu verkürzen.

    Therotisch könnte es dadurch 50 Gate-Veränderungen in einem Durchgang geben.

    Nein, denn wir haben ja auch noch die Möglichkeit einzugreifen, müssen der Anlaufveränderung ja erst zustimmen. Außerdem wissen die Trainer ja, dass die Gatepunkte die Verkürzung nicht hundertprozentig kompensieren. Deshalb werden sie dieses Risiko nicht immer eingehen, sondern nur in Extremsituationen.

    Hat man dieses Instrument nur eingeführt, damit die Trainer nicht mehr über die Jury raunzen.

    Nein, ich sehe es als Werkzeug und Profilierungsschritt für die Sportart, weil da eine Lücke offen war. Bis jetzt durfte der Trainer ja auch verkürzen, nur kriegt er jetzt die Kompensationspunkte dafür.

    Wie verhindert man, dass dieses Tool als taktische Maßnahme missbraucht wird?

    Erstens muss man bereits gedrückt haben, bis die rote Ampel auf 15 Sekunden runtergelaufen ist, also sehr früh. Deshalb kann ich nicht auf die letzte Windentwicklung warten. Und zweitens glaube ich, dass es nur dann zum Einsatz kommt, wenn es zu weit geht und der Trainer um die Sicherheit seines Springers besorgt ist. Wenn er einmal gedrückt hat, muss er verkürzen.

    Vieles entscheidet die Jury Vorort. Trotzdem müssen Sie oft für Dinge den Kopf hinhalten, die gar nicht auf ihrem Mist gewachsen sind.

    Ich muss dazu sagen, ich hab so einen sensationellen Job, ich kann mich nicht immer nur hinstellen, wenn die Sonne scheint. Wenn es weh tut, musst du an die Front.

    Bei langen Unterbrechungen zeigt man Sie immer in Großaufnahme quasi als den Sündenbock.

    Das ist nur fair. Ich bin ja auch verantwortlich dafür, die Juryentscheidungen zu verkünden, manchmal sind es auch meine eigenen Entscheidungen bei Verschiebungen und so weiter. Alles was nicht mit Sportlichem zu tun hat, entscheide ich. Ich fühle mich ja auch irgendwie verantwortlich, die Mauer zu machen für unsere Mitarbeiter, die einen ausgezeichneten Job machen. Ich stehe dafür was passiert, de facto fühle ich mich dafür verantwortlich.

    Alles was nicht mit Sportlichem zu tun hat, entscheide ich.

    Wie ist für Sie der Skisprung-Hype in Österreich spürbar.

    Das ist sensationell für uns, wenn man bedenkt, was wir in Österreich für eine starke Konkurrenz haben, mit den Alpinen, anderen Wintersportarten und im Sommer mit Fußball. So eine Erfolgskarawane zieht ja auch durch andere Länder. Wir hatten das mit Ahonen in Finnland, Malysz in Polen, Schmitt und Hannawald in Deutschland, Felder und Vettori in Österreich. Das wandert immer weiter. Wichtig ist, dass unsere Bühne immer auf einem gewissen Niveau ist.

    Wie erklären Sie sich das Tief der Finnen?

    Wie Systeme funktionieren, ist unglaublich. Dass du wirklich manchmal siehst, dass ein Strategiefehler im administrativen Bereich sich in ein, zwei Jahren sehr auswirkt. Sehr vieles beginnt im nichtsportlichen Bereich und überträgt sich dann ins sportliche. Bei den Finnen hat alles angefangen mit der Misere 2001. Da haben sie begonnen alle drei Disziplinen zu trennen. Dann konnte natürlich nicht jede Disziplin top sein und schon ging es los.

    Es ist nicht primär ihre Baustelle, aber ist es nicht unverständlich, dass es Österreich nicht schafft in Zeiten einer überragenden Morgenstern und Schlierenzauer Generation eine Nordische WM auszurichten?

    Ich sehe es so, dass so ein Hype einer Nation hilft durch eine WM-lose Zeit durchzutauchen.

    Sollte man die WM nicht nach Finnland vergeben, wenn dort eine Euphorie herrscht und nicht, wenn sie so dastehen wie jetzt (Stichwort: Lahti 2017).

    Nein. Im Gegenteil. Es ist gerade jetzt eine ideale Plattform, um sich fünf Jahre aufzubauen. Da denkt ihr Journalisten mehr im Tagesgeschäft. Ich muss perspektivisch denken. Medien und Marketing müssen das nicht, denn wenn es in einer Disziplin nicht läuft, stürzen sie sich eben auf eine andere. Wenn du nur eine Disziplin hast, musst du strategisch auf lange Sicht planen. Ein Beispiel: Vor zehn Jahre hat man gemeint, Skispringen ist nur so interessant, weil Hannawald und Schmitt da sind. Jetzt konnten wir das Gegenteil beweisen, weil wir in Deutschland immer noch eine sehr hohe Interessensquote haben. Wir brauchen in jedem Land einen Sockel und den Peak können wir sowieso nicht beeinflussen. Da liegt es an den Athleten.

    Die Situation mit den Deutschen nach dem RTL-Hype war für euch sicher nicht leicht.

    Uns traf es nicht so schwer, weil bei uns liegen ja nicht die Rechte. Das spürt der Veranstalter oder die Nation.

    Aber wenn der Veranstalter ein Problem hat, hat das Skispringen generell auch eines.

    Ja, aber wir lassen sie nicht im Regen stehen, sind ja auch heuer in Kuusamo, Kuopio und Lahti, obwohl das Interesse nicht so groß sein wird wie in Norwegen.

    Ja, aber wir lassen sie nicht im Regen stehen, sind ja auch heuer in Kuusamo, Kuopio und Lahti, obwohl das Interesse nicht so groß sein wird wie in Norwegen.

    Aber bei Val di Fiemme fragt man sich schon, warum man dort eine WM braucht, wenn das fanmäßig im Vergleich zum Massenansturm in Oslo ein Abtörner wird.

    Nein, das muss man anders sehen, mehr aus nordischer Sicht, weil Italien ein extrem starkes Langlaufland ist und da sind wir als Springer einmal die Gäste. Der Langlauf tut sich ohnehin leichter, weil er ein Massensport ist und eine ganze Industrie hinter sich hat. In Italien sehe ich einen super Organisator, eine super Infrastruktur und diese 5000 bis 7000 Zuschauer werden wir schon hinkriegen. Das ist eine unserer Aufgaben.

    Eine mehr als bescheidene Kulisse, gemessen an den 150.000 Zuschauern beim 50 Kilometer Langlaufbewerb in Oslo. Das wirft die Frage auf, welche politischen Kräfte so eine WM-Vergabe steuern. Zakopane hat sich schon mehrfach vergeblich beworben.

    Politisch sehe ich das gar nicht als Negativ, weil wir haben ja auch die Aufgabe Nationen aufzubauen. Wir haben ja fast nur klassische Orte, aber nicht überall ist jede Disziplin gleichbedeutend. Ups and Downs sind eben Kennzeichen einer Randsportart.

    Wir haben ja fast nur klassische Orte, aber nicht überall ist jede Disziplin gleichbedeutend.

    Ist man beim prallgefüllten Weltcup-Kalender am Plafond angelangt?

    Ja, das würde ich schon sagen. Mit den Trainern zusammen haben wir den Athleten schon im Sommer die Möglichkeit geschaffen 600 bis 800 Großschanzen-Sprünge zu machen. Die brauchen für den Winter keine Vorbereitungszeit mehr, können ihn mit Bewerben durchspringen. Potenzial wäre noch beim Start, wir könnten Anfang November schon beginnen, da sehe ich ein, zwei Wochen Spielraum. Das würde der Athlet durchaus aushalten.

    Hat sich Lillehammer als Auftaktbewerb besser geschlagen als Kuusamo?

    Das müsst ihr Medien sagen. Es war die einzige Möglichkeit auch die Mädchen mitzunehmen. Sie sehen, es sind immer drei bis vier verschiedene Entscheidungsebenen zu berücksichtigen. Du kannst nicht immer das Optimum herausholen. Deshalb brauchen wir ja immer ein paar Veranstalter mehr um den anderen Druck zu machen.

    Was sagen Sie zum Sommer-GP, der medial so wenig Aufmerksamkeit kriegt.

    Ja, das ist auch beabsichtigt, denn er dient uns als Labor. Die Orte, wo wir springen, haben eine riesen Freude. Es ist ein Puffer, nette kleine Veranstaltungen mit bis zu 10.000 Zuschauern.

    Toni Innauer hat das nie so gesehen. Es gab des öfteren erboste Anrufe von ihm in der SportWoche Redaktion, warum über den Sommer-GP so wenig berichtet wird.

    Ich finde das geringere Interesse nicht so schlimm. Es kritisieren die Leute ja auch immer, warum wir mit dem Weltcup nach Sapporo fahren. Aber das ist für uns auch zum Luftholen nach der Tournee, nach dem Kulm, nach Zakopane. Es punkten dort auch Leute, die sonst keine Chance haben. Das trägt zum sozialen Frieden bei. Wenn wir 14 Tage keinen Bewerb machen würden, rennen dir die Trainer die Türe ein. Wir haben so einen Druck von den Veranstaltern wir können es uns nicht leisten, ein Wochenende auszulassen.

    Lesen Sie in der SportWoche, was der Skisprung-Macher über seine umstrittenen Reformen, Schlieris Kritik und das Erschaffen von Stars sagt.

     

     

     


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