Diese Traeume haette nicht
 

"Diese Träume hätte ich nicht zugelassen"

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  • 18.03.2012 | 19:27 | (sport10)

    Gesamtweltcup-Sieger Marcel Hirscher über die letzten Wochen, den Druck, der von seinen Schultern abgefallen ist, die mentale Beanspruchung, Glück und Schicksal und was er lernen muss.

    Karl Schranz, Hermann Maier, Stephan Eberharter und Benjamin Raich hatten sie bereits, jetzt hat sie auch Marcel Hirscher. Die Rede ist von der großen Kristallkugel für den Gesamtweltcup-Sieger. Die Auszeichnung für den besten, den schnellsten Skifahrer der Saison. So nebenbei heimste der erst 23-Jährige auch die Kugel für die Riesentorlauf-Wertung ein.

    Marcel Hirscher über...

    ... die letzten Wochen: Es war halt einfach irrsinnig viel Rechnerei und Rederei im Vorfeld. Irgendwo musste ich versuchen, die Sache wegzudenken. Ich habe im Sommer viel bankgedrückt und trotzdem sind mir die zehn Kilo, die die große Kristallkugel wiegt, nach einer Viertelstunde raufhalten, doch etwas zu schwer geworden. Spurlos sind die letzten Wochen auf jeden Fall nicht an mir vorübergegangen. Meine letzten Kraftreserven sind aufgebraucht. So soll es aber sein, man soll doch alles auszunützen, was möglich ist.

    Meine letzten Kraftreserven sind aufgebraucht.

    ... seine erfolgreiche Saison mit zwei Kristallkugeln: Vor der Saison war es irreal. Vor einem Jahr bin ich auf der Couch gelegen mit einem Gipsfuß und es war nicht so super. Es war der erste Rückschlag in meiner Karriere, dass es jetzt so funktioniert, hätte ich mir nie erträumen lassen. Außerdem hätte ich diese Träume gar nicht zugelassen.

    ... seine Form in dieser Saison: Diese Form wird kein Dauerzustand sein, es werden auch wieder zähe Zeiten kommen. Aber ich werde in der kommenden Saison versuchen, dort anzuschließen, wo ich jetzt war.

    ... die mentale Beanspruchung: Es war schon arg. Wenn ich mich so zurückerinnere, dann war das wie vor Schularbeiten in der Schule. Jeder hat nur von den Schularbeiten geredet und man ist irgendwo noch nervöser geworden, als man sowieso schon war, obwohl man ja eh gelernt hat. Im Skifahren ist das nichts anderes. Man trainiert das ganze Jahr. Im Herbst fährt man 10.000 Slalomtore und irgendwie muss da der Punkt da sein, wo man sagt, Skifahren kann ich ja eigentlich. Ich habe wirklich versucht, mir zu sagen, dass es um nichts, um wirklich rein gar nichts geht. Es war der einzige Weg, weil ich irgendwann schon gemerkt habe, dass die Chance wahrscheinlich nicht mehr größer wird für mich, den Gesamtweltcup zu gewinnen.

    ... die ersten Gedanken, dass es sich mit der großen Kugel wirklich ausgehen könnte: Das war in Bansko, davor war ich ja schon sehr weit hinten. Dann habe ich dort Riesentorlauf und Slalom gewonnen und habe mit den Punkten gleich gezogen. Da war der Punkt da, wo ich mir gesagt habe, jetzt fängt alles wieder bei null an. Von da an war klar, derjenige, der das beste Finish hinlegt, der wird das gewinnen.

    ...das Glück und Schicksal: Ich bin mir sicher, dass irgendwer gewisse Dinge lenken kann. Wer an was glaubt, das ist jedem selbst überlassen. Glück, das gehört immer dazu. Teilweise hatte ich wirklich Glück. Hin und wieder habe ich so viel riskiert, dass ich einen Ausfall in Kauf nehmen musste, so wie das eben heute der Fall war. Ich war einfach am Limit und habe teilweise mit viel Glück Rennen gewonnen. Glück haben aber auch die anderen, wenn ich ausgefallen bin, gehabt.

    Glück gehört dazu und ich hatte auch Glück. Glück haben aber auch die anderen, wenn ich ausgefallen bin, gehabt.

    ... den letzten Saison-Slalom in Schladming und seinen Ausfall: Ich habe mir natürlich vorgenommen, dass ich Gas gebe. Ich wollte diese Kugel haben und alles probieren. Mir ist das eigentlich auch ganz gut gelungen, aber wie ich eh schon gesagt habe, habe ich alles riskiert. Ich bin eine enge Linie gefahren und da besteht nun mal die Gefahr, dass ich einfädle. Ich bin zu riskant unterwegs gewesen. Die Sommeraufgabe wird es sein, nicht einfädeln zu trainieren.

    ... seinen Papa Ferdinand, der eine ganz wichtige Bezugsperson für ihn ist: Jedes Rennen ist für sich eine neue Herausforderung, eine neue Situation. Jede Schneebeschaffenheit ist verschieden. Die Kombination mit mir, meinem Papa und Edi Unterberger (Servicemann; Anm.) ergibt, dass sich drei Personen Gedanken machen, wie es gehen könnte, dass ich schnell bin. Drei Köpfe bringen meistens mehr zusammen als nur einer. Es ist ein großer Vorteil, dass ich zwei so erfahrene Personen an meiner Seite habe. Speziell der Papa, der kennt mich von klein auf. Er weiß, wo mein Maximum ist.

    ... die kommenden Wochen: Ich kann mir nicht vorstellen, was jetzt alles passiert. Oft bin ich von Freunden gefragt worden, ob ich das alles schon realisiert habe, was da jetzt alles passiert. Ich muss sagen, ich habe es noch nicht realisiert. Es ist schon wild.

    Ich muss sagen, ich habe es noch nicht realisiert. Es ist schon wild

    ... das Saisonende: Skifahren macht mir nach vor einen sehr großen Spaß. Heute beim Einfahren, das Training, das war schon cool. Der Gesamtweltcup-Druck ist schon sehr schwer geworden. Da waren 100 Kilo auf meinen Schultern, die sich schön langsam lösen. Ich muss mich aber noch ein bisschen erholen.

    ... die prägendste Erinnerung: Das ist sicher die Einstellung zu dem Ganzen. Im Grunde genommen habe ich sehr viel riskiert und sehr viel gewonnen. In Kranjska Gora war ich nicht mehr so überzeugt, dass ich das schaffen kann. Im ersten Durchgang hatte ich schon einen sehr großen Zeitrückstand, ich bin zwar im zweiten noch auf das Podest gefahren, aber es war nicht mehr der Marcel, der alles will, alles riskiert.

    Ich habe dann einen mir bis dato nicht bekannten Mann kennen gelernt, der mir gesagt hat, 'Marcel, wenn du jetzt nicht gescheit fährst und die Freude an dem ganzen verlierst, dann habe ich keine Freude mehr mit dir.' Das war witzig, weil der so ehrlich war. Im Super-G hatte ich null Vertrauen, dann Dritter zu werden, ist unbeschreiblich. Das hat mir sehr viel Kraft gegeben. Dass mir Ted Ligety auch noch geholfen hat, dass kann man nicht verleugnen. Den ersten Schritt habe ich durch sein Ausscheiden getan, weil ich wusste, ich habe die Riesentorlauf-Kugel. Dann bin ich so richtig befreit gefahren, das hat mir die rettenden Punkte im Gesamt-Weltcup geben.

    ... seinen Wunsch für die kommenden Tage: Ich will das jetzt so schnell wie möglich alles realisieren, damit ich es genießen kann.

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