Marcel Hirscher Berges
 

Marcel Hirscher: Der Ruf des Berges

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  • 28.12.2012 | 15:44 | (sport10)

    Das SPORTMAGAZIN besuchte Marcel und Ferdinand Hirscher auf ihrer Almhütte. Im Interview sprechen die beiden Skiverrückten Klartext.

    Idylle, hart an der Grenze zum Kitsch. Eine überglückliche Milchkuh entledigt sich zwanglos ihrer Stoffwechselprodukte. Keine Wolke trübt die Sicht auf den Nordabbruch der Bischofsmütze, auf Angerstein und Lammertal. In der Küche brutzeln Kasnocken auf dem Herd. Und Gesamtweltcupsieger Marcel Hirscher serviert mal wieder. Keine Kaspressknödelsuppe, keine Essigwurst für müde Sommerfrischler wie einst, sondern allerlei Häppchen aus seinem 23-jährigen Dasein. Von dem er einen erklecklichen Teil hier oben auf der Stuhlalmhütte auf 1465 Metern verbrachte.

    Sein Vater hatte die Alm drei Monate nach Marcels Geburt gepachtet und 2009 an ein befreundetes Ehepaar weitergegeben. Zwanzig Jahre lang wurden Wanderer von den Hirschers verköstigt und in den fünf Zimmern mit bis zu zwölf Betten beherbergt. "An guten Tagen haben wir 300 Essen verkauft, einmal blieben 90 Personen über Nacht – bei einer Bettenkapazität von 35", erinnert sich Ferdinand Hirscher, der den Laden mit Ehefrau Sylvia schupfte. Marcel hingegen wurde nur eingespannt, wenn Not am Mann war.

    Wobei der Knirps eigene Geschäftsmodelle entwickelte – und damit kurzfristig besser fuhr: "Ich hab am Gatter fünf Schillin g Maut verlangt, bis ich dafür eine Watschn kassiert hab." Doch das unregelmäßige Einkommen läpperte sich, mit 16 finanzierte er sich davon sein erstes Trial-Motorrad.

    Abseits der gelegentlichen Hilfsdienste erlebte Marcel inmitten unberührter Natur eine unbeschwerte Kindheit. "Da gab’s ein besonders zutrauliches Kalb, das jeden Morgen zur Hütte kam. Marcel hat sich raufgehockt und weg waren sie", erinnert sich Ferdinand Hirscher, der punkto Trainingsmethoden schon damals eine erstaunliche Innovationskraft bewies. Unweit der Almhütte spannte der Hobbymaler ein Stahlseil als Slackline, ein Trainingsgerät. "Ein bis zwei Kilo meter hab ich wohl täglich darauf zurückgelegt. Heute kann ich keine mehr sehen“, grinst Hirscher junior, der nur mehr sporadisch zur Spielwiese seiner jungen Jahre zurückkehrt. Zum bisher letzten Mal an einem strahlenden Hochsommertag 2012. Um für das Sportmagazin im Doppelinterview mit seinem Vater in Erinnerungen zu schwelgen und Zukunftspläne zu schmieden.

    SPORTMAGAZIN: Weit weg von Termindruck und Verpflichtungen. Wäre Hüttenwirt nicht der ideale Ausgleich, womöglich nach der Skikarriere?

    Marcel: Unter Garantie nicht. Ich kauf mir doch keine Arbeit. Das ist ein Knochenjob, 18 Stunden pro Tag sind keine Seltenheit.

    Andererseits ist der Job des Skirennläufers auch mit vielen Entbehrungen verbunden …

    Marcel: Der Aufwand ist groß, das stimmt, aber ich werde auch halbwegs gut entlohnt. Keine Sorge, ich weiß schon, dass es mir saugut geht, zumal Rennfahren ja meine Leidenschaft ist. Ich kann ja selbst dann nicht anders, wenn ich nur in ein Gokart steige.

    Manche würden diesen Flecken Erde als das Paradies bezeichnen, andere als die komplette Einöde. Hat es dir als Halbwüchsiger an nichts gemangelt?

    Marcel: Eben mal schnell ins Schwimmbad zu fahren ging halt nicht so leicht. Aber man hat gelernt, sich zu beschäftigen. Mit 16, 17 haben sich meine Almaufenthalte dann ohnehin reduziert. Aber man stumpft natürlich auch ein bisschen ab – wenn du tagtäglich hier heroben bist, siehst du die Schönheit nicht mehr. Da tue ich mir jetzt schon leichter. Ich merke auch, wie vertraut mir alles ist. Dass der Felsen eher mein Freund ist als die 3-Meter-Fische, die beim Tauchen im Urlaub um mich herumschwimmen.

    Den vielen Schranken und der Qualität der Straße nach zu urteilen sind Autos hier offenbar unerwünscht.

    Ferdinand: Es war uns ein Bedürfnis, hier keine Autos zu haben. Es gibt nichts Frustrierenderes für einen Wanderer, von einem Autofahrer auf einer Schotterstraße überholt und eingestaubt zu werden.

    Marcel: Wobei es in der Schulzeit nicht anders ging, als täglich rauf- und runterzupendeln. Man sagt ja auch, ich hätte auf dem Güterweg in sehr jungen Jahren erste Fahrpraxis gesammelt.

    Sind die Bewohner des schönen Lammertals gefeit vor jeder Art von Neid?

    Die ersten Male, als ich mit dem R8 herumgefahren bin, wird schon der eine oder andere neidig gewesen sein. Mehr als nur verständlich. Ich hab mir früher auch immer gedacht: diese überbezahlten Fußballer! Dennoch muss ich sagen: Jeder kann Skifahrer werden und probieren, den Gesamtweltcup zu gewinnen. Dann kriegt er auch ein schönes Auto.

    Ferdl, dein Sohn beweist in Anbetracht seiner herausragenden Erfolge in jungen Jahren erstaunlich viel Bodenhaftung. Kannst du Jungeltern Tipps geben, wie man Kids zu geerdeten, selbst- und verantwortungsbewussten Erwachsenen erzieht?

    Ferdinand: Ich glaube, dass man der Macht der Eltern zu viel Bedeutung beimisst. Im Großen und Ganzen sind wir Passagiere. Natürlich soll man den Kindern vorleben, was man von ihnen fordert. Aber schwierige Kinder lassen sich nur ganz schwer in eine Richtung schieben.

    Du giltst als Mann mit universellem Wissen und vielen Talenten. Ist es dir gelungen, diese Vielseitigkeit weiterzugeben?

    Ferdinand: Hm, als wir in Den Haag im Mauridshuis waren, wo all die alten Meister hängen, waren die Buben eher frustriert, dass sie mitgehen mussten. Aber die Kreativität haben sie schon mitbekommen. Marcel zum Beispiel kratzelt schon mal ganz gern. Musisch begabt sind beide nicht. Ich hätte ein ganz gutes Gehör und bereue es sehr, nie ein Instrument gelernt zu haben, weil mir die Bergsteigerei wichtiger war. Ich hatte ja den Marcel im Hochgebirge mit, da war er gerade drei Monate alt. Die Bergsteiger, die mir entgegengekommen sind, haben mich alle gefragt, ob ich noch ganz sauber bin. Eh nicht ganz zu Unrecht.

    Euer Vater-Sohn-Verhältnis wird trotz eurer auch beruflich intensiven Beziehung als vorbildlich beschrieben. Was war die schwierigste Phase?

    Ferdinand: Der Übergang vom Schüler- in den Jugendbereich. Da hat Marcel große Trainer kennengelernt, mein Wort hat nicht mehr so viel gegolten. Aber schon in der Jugend hat er gemerkt, dass das, was der Papa erzählt, doch nicht so ein Blödsinn ist.

    Eine Erfahrung, die du als Kränkung empfunden hast?

    Ferdinand: Nein, mir ging es ja auch nicht anders. Als ich zum ersten Mal mit dem Nationalteam in Sölden war, hab ich mich vor lauter Minderwertigkeitskomplexen gar nicht zum Essen gehen getraut. Plötzlich sitze ich neben den ganzen Top-Athleten, renommierten Trainern. Und dann komme ich als Vater, als sogenannter Besserwisser. Ich hab am Anfang gar nicht glauben können, dass alle so nett sind, mich so familiär aufnehmen.

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