Tennis mein Leben aber
 

"Tennis ist mein Leben, aber nicht alles"

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  • 09.03.2012 | 08:18 | (sport10)

    Österreichs Nummer 1 Jürgen Melzer in der SportWoche über seinen größten Fan, sein Erdbeben-Erlebnis, Burn-Out, Online-Kritiker, geringe Wertschätzung und seinen Bruder Gerald.

    Mit dem Turniersieg in Memphis katapultierte sich Jürgen Melzer (30) wieder in die Top-20. Seine nächsten Turniere: Die Masters-1000er in Indian Wells und Miami. In der SportWoche spricht Österreichs Nummer eins über seinen größten Fan, sein Erdbeben-Erlebnis, Burn-Out, Online-Kritiker, geringe Wertschätzung und seinen Bruder Gerald.

    SportWoche: Du bist seit 1999 Profi und seitdem dauernd auf Tour – so auch wieder von 16. Februar bis Ende März bei den US-Turnieren. Spürst du Reisemüdigkeit?

    Jürgen Melzer: Ich habe schon den vierten Reisepass, der auch schon wieder vollgestempelt ist – das sagt wohl alles, oder? (lacht) Im Ernst: Je älter man wird, desto schwieriger wird’s. Erstens kennst du schon alles, zweitens verschieben sich die Wertigkeiten. Es tut weh, seine Freunde so lange nicht zu sehen. Das vermisst man. Tennis ist mein Leben, aber nicht alles.

    Was waren deine schlimmsten Erlebnisse in all den Tour-Jahren?

    Schlimm war es einmal in Casablanca. Von der Ankunft bis zur Abreise hatte ich das Gefühl, jeder will mich bescheißen – egal, ob beim Taxifahren oder Essen. Und auf der Anlage ist alles gefl adert worden, was man nicht angebunden hat. Aber viel schlimmer war es 2001 auf einem Satellite-Turnier in El Salvador. Ich habe gerade das Finale gespielt, als es plötzlich ein Erdbeben gab. Es war Stärke 7,9 mit 100.000 Toten.

    Und deine schönsten Erlebnisse?

    In den USA gibt es eine Omi, die mir seit 2004 jedes Jahr ein dickes Buch mit Zeitungsartikeln und Fotos macht. Einmal war ich bei George Bush sen. eingeladen, einmal habe ich Schauspieler John Malkovich in einem Restaurant gesehen. Cool war auch, als ich einmal Henning Mankell getroffen habe. Weil ich gerade ein Buch von ihm dabei hatte, habe ich mir das signieren lassen.

    Es war nie ein "ich trainiere für ein Turnier“, sondern immer ein "ich muss fit werden für ein Turnier“.

    2011 war keine Erfolgsstory. Welche Lehren ziehst du aus dieser verpatzten Saison?

    Ich mache mir den Vorwurf, mit dieser Verletzung weitergespielt zu haben. Es wäre gescheiter gewesen, lange zu pausieren und den Aufbau zu machen, den ich jetzt im Winter gemacht habe, statt mit 60 Prozent zu spielen. Es war nie ein "ich trainiere für ein Turnier“, sondern immer ein "ich muss fit werden für ein Turnier“. Dann geht die Leistung eben nach unten. Ich war nur Passagier, aber ich wollte einfach spielen – auch, weil ich in der Rangliste immer weiter zurückgefallen bin. Du glaubst halt: Irgendwie geht’s schon. Aber irgendwann geht’s nicht mehr – wie beim Turnier in Basel im Oktober, als ich mir nicht einmal mehr die Socken anziehen konnte.

    Die Rückenverletzung kam, als du Nummer 8 der Welt warst. Was wäre 2011 ohne diese Verletzung möglich gewesen?

    Ich denke, bis Nummer 5 wäre es möglich gewesen.

    2010: Sportler des Jahres. 2011: "Buhmann", der in Online-Foren kritisiert, verhöhnt und beleidigt wird. Wie sehr schmerzt sowas?

    Nicht einer, der hier herumpoltert, kennt die Hintergründe, nicht einer weiß, was es bedeutet, auf einem Centercourt zu stehen bzw. zu den 20 besten Tennisspielern der Welt zu zählen. Ich habe meine eigene Meinung über Leute, die sich in Internet-Foren über Sportler auslassen. Ich würde lügen, wenn ich sage, es ist mir vollkommen egal.

    Ich würde lügen, wenn ich sage, es ist mir vollkommen egal.

    So etwas schlägt sicher aufs Gemüt. Im Fußball war in den letzten Jahren immer mehr von Burn-Out-Fällen die Rede. Rafael Nadal hat gestanden, dass ihm "mentale Frische" gefehlt hat und auch Florian Mayer, jetzt Nummer 18 der Welt, hat vor drei Jahren eine mehrmonatige Auszeit genommen. Ist Burn-Out im Tennis ein Thema?

    Ich würde es jetzt nicht Burn-Out nennen, aber ich glaube, dass man mental teilweise schon ausgebrannt ist. Auch ich habe das schon mal gespürt. Wir haben jede Woche einen richtigen Stress: Du musst gewinnen und Geld verdienen, um dein Team zu bezahlen. Mit dem muss man auch umgehen können. Es gibt sicher viele Spieler, die mental nicht voll auf der Höhe sind – nur wird nicht darüber geredet.

    Es gibt sicher viele Spieler, die mental nicht voll auf der Höhe sind – nur wird nicht darüber geredet.

    Ab 8. März spielst du in Indian Wells, danach in Miami. Was unterscheidet diese 1000er-Turniere von den 500er-Events wie zuletzt in Memphis?

    Die Organsiation ist größer, Service und Komfort sind einfach besser. Tokio, ein 500er, wo ich 2010 gespielt habe, war ein Witz: Essen und Service waren so schlecht, da hätte es fast eine Spielerrevolte gegeben.

    In Indian Wells und Miami spielst du natürlich auch Doppel – wieder mit Philipp Petzschner. Wo ergänzt ihr euch?

    Wir sind beide Einzelspieler, die gerne und ernst Doppel spielen – aber eben nicht vom Doppel spielen abhängig sind. Wo ich am Platz etwas zu verkrampft bin, hat er diese übertriebene Lockerheit. Er hilft mir, lockerer zu werden, ich gebe ihm dafür ein bissl mehr Ernsthaftigkeit.

    Petzschner beklagte die geringe Wertschätzung eurer beiden Grand-Slam-Titel in Wimbledon und bei den US-Open. Stimmst du ihm zu?

    Ich muss ihm Recht geben, denn so viele Grand-Slam-Sieger haben wir ja auch nicht in Österreich. Ich glaube, dass man das ganz gut mit dem Skifahren vergleichen kann, da gibt es auch mehrere Disziplinen – ein WMTitel in der Abfahrt ist in der Öffentlichkeit mehr wert als einer in der Kombination, aber trotzdem ist es ein WM-Titel.

    Als du das Turnier in Memphis gewonnen hast, hat dein Bruder Gerald ein Future in Chile gewonnen. Derzeit ist er Nummer 350 in der Weltrangliste. Wo siehst du Stärken, Schwächen?

    Seine Stärke ist seine Vorhand, die er mit viel Spin spielt – damit kann er viel Druck machen. Und er hat eine sehr hohe Spielintelligenz. Seine Schwächen: Er bewegt sich noch nicht so, wie ich mir das wünsche. Er kann echt gut spielen, muss aber noch konstant werden. Wenn er konstant auf seinem Level spielt, dann ist er sicher gut genug, um es in die Top-100 zu schaffen.

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