Nächtliche Temperaturen um 5°C, Regen und Hitze untertags: Der Gobi March ist kein Zuckerschlecken.
 

Schiester durchquert Gobi

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  • 30.06.2010 | 00:00 | (sportnet.at)

    Nach einer kalten und ungemütlichen Nacht bei Temperaturen um 5°C fiel heute der Startschuss zum Gobi March. 154 Teilnehmer machten sich auf ihre lange Reise über 250 Kilometer. Mitten drin der Österreicher Christian Schiester, der gleich auf der ersten Etappe ein Statement ablieferte. Hier seine ersten beiden Tagebucheinträge...

    27.06.2010: Ein guter Start
    Nach einer kalten und ungemütlichen Nacht bei Temperaturen um 5°C fiel heute der Startschuss zum Gobi March. 154 Teilnehmer machten sich auf ihre lange Reise über 250 Kilometer. Mitten drin der Österreicher Christian Schiester, der gleich auf der ersten Etappe ein Statement ablieferte.

    Christian Schiester: Die erste Nacht in der Wüste hat wohl keinem der Teilnehmer Spaß gemacht. Im Zeltlager wurden wir von einem starken, kühlen Wind empfangen. Nach Sonnenuntergang fielen die Temperaturen auf 5°C, was den meisten Athleten eine ungemütliche Nacht bescherte. So waren alle froh, als wir am Morgen aus unseren Zelten krabbeln und uns an die Startlinie stellen konnten.

    Von einem kleinen Dorf aus ging es unter den neugierigen Blicken der Einwohner los in die weiten Ebenen der Gobi. Über einen hart getrampelten Pfad führte uns der Weg vorbei an grünem Gestrüpp und einer kargen Landschaft. Mehrere Teilnehmer stürmten wie wild los und setzten sich vom Starterfeld ab. Ich hielt mein Tempo und fiel schnell einige Plätze zurück. Anfangs sorgte der Wind noch für willkommene Abkühlung. Nach etwa 15 Kilometern erreichten wir die ersten Hügelketten. Anspruchsvolle Steigungen trieben uns den Schweiß auf die Stirn. Diese Bedingungen liegen mir und ich konnte Platz um Platz aufholen.

    Gefährlich steile Abwärtspassagen und Kletterstellen bremsten mich etwas ein. Mein verletzungsbedingtes Ausscheiden in Australien ist mir noch gut in Erinnerung, daher beschloss ich auf der ersten Etappe kein Risiko einzugehen und vorsichtig zu laufen. Nach 32 Kilometern erreichte ich mit einer Zeit von 03:21:40 als Zweiter das Ziel. Nur der Brite Dan Parr war in etwa fünf Minuten schneller als ich. Ich bin mit meiner Leistung heute sehr zufrieden. Ich hab schnell einen guten Rhythmus gefunden, mein Tempo gehalten und mich an der Spitze festgesetzt. Insgesamt haben wir heute über 600 Höhenmeter zurückgelegt und eine recht anstrengende Etappe absolviert.

    Trotz des guten Auftakts gilt es aber weiterhin kühlen Kopf zu bewahren. Es ist erst ein Tag vorbei und noch liegen 218 Kilometer vor uns. Ich habe ein gutes Gefühl für dieses Rennen und genügend Energiereserven. Morgen werde ich daher locker starten und mich darauf konzentrieren keinen Fehler zu machen. Übrigens freut es mich, dass dieses Mal ein weiterer Österreicher am Rennen teilnimmt. Bernd Tritscher aus Saalfelden hat heute den hervorragenden neunten Rang belegt. Mit dabei ist außerdem ein alter Bekannter: Peter Osterwalder, der die Atacama 2009 auf Platz zwei beendete.

    29.06.2010: Regen und Sonne
    Völlig untypisch für diese Jahreszeit hat es die ganze Nacht geregnet. Teilweise war über den steil ansteigenden Felswänden rund um unser Lager sogar Donner zu hören. Damit hätte wohl kein Teilnehmer gerechnet, immerhin befinden wir uns in einer sehr niederschlagsarmen Wüste und das im Sommer. So machten wir es alle gleich und verkrochen uns in unsere Schlafsäcke. Das Trommeln der Tropfen auf dem Zelt hatte eine beruhigende Wirkung und ließ mich bald einschlafen.

    Um 8 Uhr fiel der Startschuss zur dritten Etappe. Durch einen Canyon ging es steil bergab zurück zum Flussbett. Mehrere Kilometer legten wir über Stock und Stein zurück, durch tiefe Bäche und grobes Geröll. Jeder unkontrollierte Schritt war ein Risiko, bereits ein kleiner Fehltritt konnte zur Verletzung führen. Während Jan Parr mit zwei Chinesen ohne Rücksicht auf Verluste an der Spitze davon stürmte, zügelte ich mein Tempo. Zurecht: Peter Osterwalder, einer der Mitfavoriten, ist im Flussbett drei Mal überknöchelt und konnte sich nur mit großen Schmerzen in das Ziel kämpfen. Der Spanier Josep Parra, topplatziert in der Atacama, musste bereits am ersten Tag mit einer Knieverletzung aufgeben.

    Nach einigen Kilometern wechselte das Terrain und der Weg führte uns bergauf und bergab durch eine mittlerweile sehr karge Hügellandschaft. Hier erhöhte ich erstmals mein Tempo. Der leichte Regen hörte auf und die Sonne brach erstmals durch die Wolken. Sofort wurde es auf dem steinigen Untergrund sehr heiß und ich konnte den Chinesen Chao Wei vor mir gehen sehen. Daher entschied ich mich zu einer Attacke konnte auf den letzten fünf Kilometern sechs Minuten aufholen. Nur wenige Sekunden hinter Wei stürmte ich nach 33 Kilometern mit 02:47:20 als Vierter über die Ziellinie.

    Unser Camp befindet sich dieses Mal mit in einem kleinen Dorf, wo wir in den einfachen Häusern der Einheimischen untergebracht sind. Viele neugierige Blicke empfingen uns auf dem Weg durch die Gassen, Kinder, Eltern und Großeltern winkten uns freundlich zu.

    Ich bin mit meiner heutigen Leistung wieder sehr zufrieden. Das Tempo an der Spitze wurde deutlich gesteigert, aber ich habe mich nicht abschütteln lassen. Langsam geht es ans Eingemachte, nur noch eine „kurze“ Etappe liegt vor uns, bevor am Donnerstag auf den 99 Kilometern die Karten auf den Tisch gelegt werden. Manche Teilnehmer sind bereits jetzt am Boden der Tatsachen angelangt. Viele bewegen sich nur mehr humpelnd und mit schmerzverzerrten Gesichtern durch das Dorf, manche leiden an Durchfall und einige haben schon aufgegeben. Für mich ist es jedoch noch lange nicht zu Ende, wir sind noch nicht einmal bei der Häfte der Distanz angelangt. Es kündigt sich ein spannender Kampf um die Topposition an, bei dem ich hoffentlich ganz vorn mitmischen werde.

    Ein Equipment-Check vergangenen Abend hat auch für einige Topläufer Zeitstrafen ergeben. Die beiden stark laufenden Chinesen etwa konnten die vorgegebene Kalorienanzahl bei weitem nicht erfüllen. Ich habe meine Hausaufgaben gemacht und habe alle Kriterien erfüllt.

    Run on, Christian Schiester

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