Christoph König

14.12.2012
13:47

Zensur oder Phrasenschwein?

von Christoph König

Warum Interviews für uns Sportreporter immer mühsamer werden.

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  • ORF-Kommentatorenlegende Hans Huber brüllte, nachdem uns Andi Herzog 2002 mit seinem Tor ins WM-Quali-Playoff schoss: "Ich weiß, es ist für sie zuhause völlig unerheblich, es kann ihnen wirklich egal sein ..." Und dann erzählte er trotzdem wie er beim Skandalmatch in Tel Aviv von israelischen Fans mit Steinen, Orangen und anderen Gegenständen bombadiert wurde. Huber hätte sich seine Entschuldigung sparen können, weil den Konsumenten sehr wohl interessiert, wie Medienberichte zustande kommen. Vor allem, wenn jemand jeden zweiten Satz unterbrechen muss, weil er Deckung sucht.

    Wie ich gerade jetzt darauf komme? Weil ich festhalten will, dass wir Journalisten es auch nicht immer leicht haben und mich die Umstände unter denen wir manche Story verfassen müssen, auf die Palme bringen. Ok, wir Schreiberlinge haben gegenüber den TV-Reportern einen Vorteil. Wir können warten bis den Fans die Orangen ausgegangen sind und dann unseren Artikel verfassen. Und: Wir müssen Sportlern nicht Mikro und Kamera vor die Nase halten und sie so in Phrasendrescher verwandeln. "Wir denken nur von Spiel zu Spiel." "Das wichtigste ist die Mannschaft." "Die Vorbereitung ist super gelaufen." "Die Wahrheit liegt am Platz. "Abgerechnet wird am Schluss!" Grausam, mit welchen Floskeln man da gequält wird.

    Ich sage ihnen ehrlich. Bei solchen Sätzen schalte ich innerlich aus, ich notiere sie mir auch nur selten. Immerhin will ich den Leser unterhalten und nicht als Einschlaflektüre dienen. Nun bürgert sich hierzulande leider immer mehr die Kultur ein, dass Sportler, Funktionäre oder ihre Agenturen Interviews gegenlesen wollen, obwohl man sie sogar auf Tonband gebannt und in mühsamer Kleinarbeit komplett abgetippt hat. An sich ihr gutes Recht und in Deutschland allgemein Usus. Und es macht ja auch Sinn, wenn jemand eine Fehlaussage korrigieren oder einen Sager etwas nachschärfen oder abschwächen will.

    Was tatsächlich dabei herauskommt, ist aber oft weniger sinnvoll. Und ich will es Ihnen in Huber-Manier nicht vorenthalten, weil es die Qualität des Ergebnisses beeinflussen kann. Der eine, will seine flott lesbaren Aussagen in ungenießbare, ewig lange Sätze, die direkt einer Doktorarbeit entstammen könnten, umdichten. Ein anderer reitet an kleinen Formulierungen herum und bessert „Quatsch" in „Schmarrn" aus oder „oft" in „häufig". Bei besonders „gestressten Stars" soll man die Fragen per Mail schicken und entnimmt den nichtssagenden Antworten, dass diese nur vom Pressesprecher, nicht aber vom Sportler selbst, stammen. Lieb gewonnen habe ich auch jene, die zuerst knallhart mit einem Kollegen abrechnen und später darauf angesprochen behaupten, die Medien hätten sie falsch interpretiert oder die Aussage sei aus dem Zusammenhang gerissen. Leider schlucken viele Zuseher die Mär von den „bösen Medien", was einen als Journalist doch etwas ärgert, steht doch das Tondokument als Gegenbeweis bei einem im Regal.

    Die lustigste und häufigste Gattung von Selbstzensurierern sind aber die, die zuerst polarisierende und für den Leser spannende Aussagen rauslassen, aber dann zurückrudern wie Kanuweltmeister. Was übrig bleibt, ist ein belangloses Bla-Bla das keinen Menschen interessiert. Geschliffene Helden, die von der Anziehungskraft echter Typen mit Ecken und Kanten, wie Hermann Maier einer war, so weit weg sind, wie „Sport am Sonntag" von der alten Klasse eines „Sport am Montag". Viele könnten sich an Gregor Schlierenzauer ein Beispiel nehmen. Auch wenn er mitunter sehr kritische Tönen anstimmt und damit nicht immer Sympathiepunkte sammelt, steht er zu dem, was er sagt. Deshalb muss er seine Interviews auch nicht im Nachhinein selbst zensurieren. Im Namen unserer Leser sage ich: Danke, Gregor!

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