Gspurning fehlte Lobby
 

Gspurning: "Mir fehlte die Lobby"

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  • 09.11.2011 | 08:18 | (sport10)

    Keeper Michael Gspurning wird nicht mehr für das ÖFB-Team auflaufen - das verrät er im sport10.at-Exklusivtalk. Außerdem spricht er über einen Wechsel nach Seattle, Nirvana und eigene Wege.

    Michael Gspurning steht bei Xanthi auf dem Abstellgleis, ist aber trotzdem glücklich. Wieso? Weil er weiß, dass sich das bald ändern wird. Bei den Seattle Sounders in der nordamerikanischen Major League Soccer steht der 30-jährige Keeper hoch im Kurs und ein Wechsel über den großen Teich scheint nur mehr eine Frage der Zeit zu sein. Grund genug, um beim 30-Jährigen einmal nachzufragen, was ihn an Seattle so reizt und er von der MLS hält.

    Außerdem erklärt der Griechenland-Legionär exklusiv auf sport10.at, warum er im Herbst 2010 aus dem Nationalteam zurücktrat, welche Rolle dabei die fehlende Lobby gespielt hat und warum manches anders gelaufen wäre, wenn er die griechische Staatsbürgerschaft angenommen hätte.

    sport10.at: Michael, du hast deinen Vertrag bei Skoda Xanthi nicht verlängert und stehst deswegen auf dem Abstellgleis. Wie gehst du damit um?

    Michael Gspurning: Es ist ein Blicken in die Zukunft, aber ich schaue gleichzeitig, dass ich in der Gegenwart fit bleibe. Das gelingt mir sehr gut, außerdem war ich mental auf diese Situation vorbereitet. Ich konnte mich darauf einstellen, dass ich im Herbst nicht spielen werde. Nach fünf Jahren in Xanthi ist dieses halbe Jahr Pause gerade recht gekommen, um ein bisschen Durchzuschnaufen, das Kapitel abzuschließen und mich darauf vorzubereiten, dass ein neues beginnt.

    Hat man dir mitgeteilt, dass du nicht mehr spielen wirst, wenn du das Vertragsangebot ablehnst - also quasi die Rute ins Fenster gestellt?

    Nein, so würde ich das nicht ausdrücken. Ich habe ein sehr gutes Verhältnis zum Präsidenten. Er hat mir dieses Angebot gemacht, und nach drei Tagen Bedenkzeit habe ich ihm Bescheid gegeben, dass ich etwas Neues machen will - für mich persönlich und meine Familie. Der Präsident hat dann mit mir gesprochen und gesagt, dass er einen neuen Keeper holen muss. Für mich war das natürlich in Ordnung, denn ich verstehe ja auch die Vereinsseite.

    In Griechenland habe ich mich erst zu der Person entwickelt, die ich bin.

    Die schlimmste Zeit ist jetzt vorbei, und der Blick geht nach vorne. Fünf Jahre sind im Profifußball eine lange Zeit, und ich habe mich in Xanthi sehr wohl gefühlt. Aber ich will jetzt gehen, so lange mich die Leute noch lieben, und nicht erst dann, wenn sie sich fragen, warum ich nicht schon längst weg bin. (lacht)

    Wie lautet dein Resümee deiner Zeit bei Xanthi?

    Ich habe Griechenland sehr, sehr viel zu verdanken, es war eine wunderschöne Zeit. Hier habe ich mich erst zu der Person entwickelt, die ich bin. In Österreich habe ich zwar auch gute Leistungen gebracht, aber den letzten Schub gab's erst in Griechenland. Die ganzen Erfahrungen, die ich im Ausland gemacht habe, will ich nicht missen - nicht nur die sportlichen, sondern auch, dass ich die Sprache und die Kultur kennengelernt habe. Das sind Sachen, die mich menschlich weitergebracht haben.

    Noch lebst und arbeitest du in Griechenland. Wirtschaftlich macht das Land eine schwere Zeit durch. Wie erlebt man das als Fußball-Profi?

    Man merkt, dass sich die Sachen verändern. Ich sehe die Proteste auf den Straßen, und ich verstehe diese Leute. Es gibt in der Öffentlichkeit kein anderes Thema als Politik. Früher hat man zu 80 Prozent über Fußball gesprochen, jetzt spricht man zu 80 Prozent über die Regierung und die aktuelle wirtschaftliche Situation.

    Auch uns Fußballer betrifft das direkt. Voriges Jahr wurde die Steuer von 23 Prozent auf 43 Prozent erhöht. Natürlich haben Fußballer nicht die Sorgen eines Familienvaters, der einem "normalen" Beruf nachgeht, aber trotzdem gab's für uns auch schwerwiegende Einschnitte. Es ist nicht schön und ich befürchte, dass das Schlimmste noch kommen wird.

    Was bedeutet die Krise für den griechischen Fußball?

    Die Vereine hängen in den Seilen, aber nicht durch Misswirtschaft, sondern weil die Wirtschaft am Boden liegt. Wenn so schon kein Geld da ist, hat man auch für den Fußball keines. Die Steuern sind erhöht worden, und das betrifft natürlich auch die Lohnkosten - damit wird es schwieriger, große Spieler zu bekommen. Aber auf der anderen Seite ist es vielleicht eine Chance für die Eigengewächse - immerhin wird man jetzt eher auf sie bauen.

    Wenn ich an Seattle denke, habe ich ein sehr positives Gefühl.

    Auf dich baut man offensichtlich beim MLS-Klubs Seattle Sounders. Wir konkret ist denn ein Wechsel in den Westen der USA?

    Wir stehen in Verhandlungen, es ist noch nichts unterschrieben, aber die Sache ist nach wie vor interessant. Wenn ich an Seattle denke, habe ich ein sehr positives Gefühl. Im Sommer war ich dort und es war unglaublich. Ich habe damals ein CONCACAF-Champions-League-Match gesehen, bei dem 25.000 Fans im Stadion waren. Die Verantwortlichen haben sich noch entschuldigt, dass das Match nicht so wichtig sei und deswegen "nur" 25.000 gekommen sind. Und ich hab' dann gesagt: "Ist schon okay. Ich finde es trotzdem nicht schlecht" (lacht)

    Sportlich hat die Liga eine eigene Brisanz und ist sehr reizvoll. Ich will nicht rübergehen und auf locker und lässig machen, sondern sportlich etwas erreichen und mich weiterentwickeln. Es ist kein Weg für jeden, aber mir persönlich passt er.

    Die Resonanz in den Fanforen ist sehr positiv.

    Ich hab' einige Foren durchgelesen und bin richtig begeistert. Also das "Schlimmste", das geschrieben wurde war, dass ich zu viele Haare habe. (lacht) Von meiner Größe ist man offenbar begeistert, und von meiner Statistik ebenfalls. Ich selbst wusste nicht einmal, dass ich in 89 Spielen 38 Mal zu Null gespielt habe. Aber das ist typisch amerikanisch, sie zerlegen gern alles in Zahlen (lacht)

    Lesen Sie auf Seite zwei, ob Seattle-Fan Gspurning auch ein Anhänger von Nirvana ist, warum er 2010 aus dem Nationalteam still und heimlich zurücktrat und ob er ein Tormann-Problem ortet.

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