Nsereko Fenin Johnson
 

Wenn Profi-Fußball zur Sackgasse wird

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  • 17.01.2013 | 12:18 | (sport10)

    Viele Kicker können den Begleiterscheinungen des Fußballgeschäfts nicht standhalten. sport10.at und blickt auf drei Karrieren und den psychologischen Hintergrund.

    In die Kamera lächeln, Autogramme unterschreiben und am Wochenende dem Ball hinterherjagen. All jene Dinge gehören zum Profi-Fußball. Doch es steckt mehr dahinter: Leistungsdruck, mediale Aufmerksamkeit und astronomische Geldsummen. Faktoren, die das seelische Befinden beeinflussen können. Sportpsychologe Günter Amesberger betreute den ÖSV und den ÖFB. Gegenüber sport10.at erklärt er: "Diese Faktoren können sich stark auf die Psyche auswirken."

    "Das Outing ist wichtig"

    "Der Sport wird immer schneller, dynamischer. Die Gefahr der Austauschbarkeit ist groß", sagt Amesberger. Ist ein Sportler an Depressionen erkrankt, ist der Weg zurück in den Profisport schwer. "Aber im richtigen Umfeld und mit großem Verständnis ist es möglich", so Amesberger. Die Mär, psychische Erkrankungen hätten keine Auswirkungen auf die Leistung der Sportler, entkräftet Amesberger: "Psychische Probleme haben eine unmittelbare Auswirkung auf die Leistungsfähigkeit der Sportler. Ist die Erkrankung klinisch festgestellt, muss sie umgehend professionell behandelt werden."

    Psychische Erkrankungen bei Profisportlern gab es auch früher. Nun werden nach und nach Fälle bekannt. "Das Thema wird endlich enttabuisiert. Das Outing ist dabei sehr wichtig. Aber auch die Krankheit ernst zu nehmen gehört dazu." sport10.at blickt auf die Karriere dreier Fußballer, die den negativen Begleiterscheinungen des Fußballgeschäfts aus verschiedenen Gründen nicht standhalten konnten.

    Michael Johnson - "Future-England-Captain"

    Anfang der 2000er spielte Michael Johnson für Everton. Sein Potential sorgte für Aufmerksamkeit und Manchester City entschied sich, Johnson im Alter von 16 Jahren zu verpflichten. Der zentrale Mittelfeldspieler machte noch im selben Jahr sein Debüt für die "Skyblues". Ein halbes Jahr später erzielte Johnson sein erstes Tor für City.

    "Ich würde Johnson nicht gegen Steven Gerrard eintauschen", sagte der ehemalige England-Teamchef Sven-Göran Eriksson, angesprochen auf das Potential des Jungstars. Er sollte sich irren. Schwere Verletzungen legten Johnson auf Eis. Anschließend ging es mit seiner Karriere stetig bergab: Der hochbegabte defensive Mittelfeldspieler geriet auf die schiefe Bahn.

    "Lasst mich in Ruhe"

    Zwei Autounfälle wegen Alkohol am Steuer und seine exzessive Lebensweise katapultierten den "Future-England-Captain" endgültig aus den Sphären der Kampfmannschaft. Manchester City entschied sich dafür, seinen auf 50.000 Euro in der Woche (!) dotierten Vertrag auszuzahlen und das Dienstverhältnis zu beenden. Ein im Internet kursierendes Foto verdeutlicht den Zustand des mittlerweile 24-Jährigen: Aufgeschwemmtes Gesicht, hochrote Backen und für einen Profisportler einige Kilo zu viel auf den Knochen.

    Die englische Yellow Press stürzte sich auf Johnsons Schicksal. "Ich bin selbst am traurigsten darüber, wie meine Karriere verlaufen ist", sagt Johnson, der angibt, an psychischen Problemen zu leiden. "Ich besuche seit Jahren die Priory Klinik und wäre dankbar, wenn ich nun für den Rest meines Lebens in Ruhe gelassen werde."

    Martin Fenin - tschechischer Hoffnungsträger

    "Ich habe mich selbst krank gemacht." Wenige Fußballprofis sprechen offen über Depressionen. Und diese Erkrankung kann selbst Erfolg nicht verhindern. Als vielversprechendes Talent kam Martin Fenin im Jänner 2008 für 3,5 Millionen Euro zu Eintracht Frankfurt. Gleich bei seinem Debüt gegen Arminia Bielefeld erzielte er einen Hattrick und deutete sein großes Talent an.

    Dabei merkte Fenin nicht, dass seine Depression überhand nahm. "Ich habe gar nichts gemerkt oder mich depressiv gefühlt. Das hat erst der Psychologe diagnostiziert", sagte Fenin. Der Tscheche wusste keinen Ausweg und stürzte sich aus einem Hotelfenster. Drei Stunden lag Fenin unbemerkt und bei Temperaturen um den Gefrierpunkt auf dem Hoteldach.

    "Flucht in Medikamente und Suchtmittel"

    Trotz einer Gehirnblutung kam Fenin glimpflich davon. Wegen des ernstzunehmenden Krankheitsbildes begab er sich in ärztliche Behandlung. "Das Gefühl der Resignation, der Einsamkeit mit Depressionsschüben begleitet mich schon seit mehreren Monaten. Die vorübergehende Flucht in Medikamente und Suchtmittel verschlimmerten diesen Zustand und gipfelte nun in der alarmierenden Diagnose. Ich habe dagegen angekämpft und muss mir nun eingestehen, dass ich dieses Problem nicht ohne Hilfe beheben kann."

    Nun startet Fenin einen Neuanfang. Sein Vertrag mit Energie Cottbus wurde unter beidseitigem Einvernehmen aufgelöst, um dem 25-Jährigen die Rückkehr in die Heimat zu ermöglichen. Slavia Prag heißt sein neuer Verein. In Tschechien, seinem vertrauten Umfeld, versucht Fenin privat und sportlich wieder in die Spur zu finden.

    Savio Nsereko - Das deutsche Enfant Terrible

    In Deutschland werden viele Fußballtalente produziert. Zu den größten der letzten Dekade zählte Savio Nsereko. Doch manchmal ist der Geist nicht so weit wie der Körper. Vieles machte der heute 23-Jährige richtig, den Rest aber falsch. 2008 holte Nsereko mit der deutschen U19-Auswahl den EM-Titel und wurde zum besten Spieler des Turniers gewählt.

    Vier Jahre später findet sich der Stürmer in der deutschen Regionalliga West wieder. Inzwischen war viel passiert. Von Brescia über Florenz, nach West Ham und zurück nach Florenz. Kurze Abstecher in Bulgarien, Rumänien und Deutschland. Und dabei floss viel Geld.

    Entführung vorgetäuscht

    Die kolportierten elf Millionen Euro Ablöse beim Transfer zu West Ham bestätigten sich jedoch nie. Ermittlungen verliefen im Sand. Durchsetzen konnte sich Nsereko auch bei keinem Verein. Und der Wandervogel bekam zudem anderweitig Probleme: In Thailand gab er in nur wenigen Tagen eine Million Baht (ca. 25 000 Euro) aus. Damit waren die Geld-Ressourcen erschöpft.

    Verzweifelt täuschte Nsereko eine Entführung vor und drängte auf eine Überweisung von 3000 Euro Lösegeld. Der Schwindel flog auf. Nsereko wurde nach Deutschland abgeschoben. Nun versucht er bei Viktoria Köln in der Regionalliga West einen Neustart.

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