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Helmut L. Kronjäger: "Neun Bundesliga-Vereine sind optisch nicht zu unterscheiden"

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  • 14.04.2014 | 15:38 | (sportnet.at)

    Helmut L. Kronjäger, kritischer Geist des heimischen Fußballs, hat seine Biografie vorgelegt. Im Interview spricht der frühere Trainer und Funktionär über Einheitsbrei in der Liga, Schwarzgeld und Marko Arnautovic.




    Helmut L. Kronjäger kennt den Fußball als Spieler, Bundesliga-Trainer und Sportdirektor. Er trainierte und entwickelte Stars wie David Alaba und Manuel Ortlechner. Nun ist er Systemkritiker des österreichischen Fußballs. Und damit genießt er fast eine Monopolstellung. "Man darf sich in Österreich ja nicht wehtun. Ich bin der böse Besserwisser, weil ich Fehler aufzeige", sagt Kronjäger im SPORTNET-Interview.

    Mittlerweile kämpft der 60-Jährige gegen einen hartnäckigen Lymphdrüsenkrebs. Seine schwere Krankheit und langjährigen Erfahrungen im Fußball gaben Kronjäger den Anstoß, ein Buch zu verfassen. Über den Krebs, seine Zeit als Ried-Coach, die exotischen Teamchef-Stationen und den heimischen Fußball. Im Interview spricht er über Einheitsbrei in der Liga, Schwarzgeld und Marko Arnautovic.

    SPORTNET: Sie kämpfen seit fast zwei Jahren gegen den Krebs. Wie geht es Ihnen momentan?

    Helmut L. Kronjäger: Den Umständen entsprechend. Mein Alltag ist von Therapien und Untersuchungen geprägt. Ich tue mir schwer, eine klare Auskunft zu geben, weil sich mein Zustand ständig ändert. Mein Energie-Haushalt reicht für drei Stunden, und die muss ich mir einteilen.

    Ihr Buch alterniert zwischen Krankheit und Fußball. Was von beidem hat Ihnen den Anstoß gegeben, ein Buch zu verfassen?

    Ich bin mit Markus Geisler von der SPORTWOCHE schon seit Jahren befreundet. Und irgendwann habe ich zu meinem Lieblingspiefke, so nenne ich Markus, gesagt: "Da ich im Fußball doch einiges erlebt habe, musst du mir helfen, Ordnung in meine Gedanken zu bringen." Er hat es dann geschafft, meine Eindrücke als Krebskranker und den Ausblick auf die Fußballszene in verständlicher Weise wiederzugeben.

    Es gibt positive, aber auch sehr negative, dunkle Kapitel in Ihrem Buch. Was überwiegt für Sie?

    Ich hoffe, dass letztendlich das Positive im Vordergrund steht. Zum Beispiel, dass es keinen Grund gibt, sich aufzugeben. Dass man seine Verantwortung gegenüber seiner Familie und seinen Freunden wahrnehmen soll. Ich hatte schon Situationen und Momente, wo ich dachte: "Ich kann einfach nicht mehr." Wenn dann ein Zeichen von außen kommt, wie beispielsweise eine Einladung von meinem "Buam" Dave Alaba, dann gibt das wieder einen Motivationsschub. Ich habe von meinen Spielern immer hundert Prozent Einsatz verlangt. Dann kann ich als Trainer auch nicht aufgeben.

    Sie haben beim ÖFB Spieler wie David Alaba oder Marko Arnautovic trainiert, die sich noch heute sehr positiv über Sie äußern. Tenor: Bei Ihnen stand stets das Menschliche im Vordergrund. Andere werfen Ihnen dagegen vor, im Trainergeschäft zu weich gewesen zu sein.

    Dieser Vorwurf prallt an mir ab. Ich habe meine "Buam" fast alle kennengelernt, als sie noch Kinder, also 12, 13 Jahre alt waren. Mein Bestreben war immer, Spieler nicht nur fußballerisch, sondern auch in ihrer Persönlichkeit weiterzuentwickeln. Und das haben sehr viele geschafft. Ob das jetzt Johnny Ertl, Manuel Ortlechner, David Alaba, Leo Kaufmann, Daniel Beichler oder Jakob Jantscher und viele mehr sind. "Lerne von deinen Spielern", hat Ivica Osim zu mir gesagt. Damit hat er mich sehr beeinflusst.

    Wie weh tut es, wenn ein Typ wie Arnautovic über Jahre in der Schublade "Skandal" steckt?

    Es schmerzt. Ich versuche, in meinem Bekanntenkreis diese Bilder zurechtzurücken. Ein sehr guter Freund hat mich mit dem Auto zum Nationalteam gefahren. Er war durch Zeitungsberichte voreingenommen. Aber als er Marko dann persönlich kennengelernt hat, wurde er zum Fan. Er stand diesem Mann gegenüber und sah, dass Marko ein ganz normaler jugendlicher, feiner Mann ist, der für jeden Spaß zu haben ist - genauso wie Dave.

    Wer hat von Ihren Buam, Ihren Entdeckungen, den größten Sprung gemacht?

    Das kommt vielleicht überraschend, aber wahrscheinlich Manuel Ortlechner. Orti hat sich von einem ehrlichen, handgeschnitzten Kicker zu einem echten Fußballer entwickelt, der in der Champions League Spieler der Runde war, aber auch menschlich einen wahnsinnigen Sprung gemacht hat. Er hat nie das ganz große Talent mitgebracht - aber die hundertprozentige Einstellung war immer da. Das macht mir Freude. Bei Dave (Alaba, Anm.) ist es etwas anderes. Denn er hat was, das nur wenige österreichische Fußballer besitzen: "Nach dem Pass beginnt die Arbeit." Spielen, gehen, spielen, gehen - das macht seine Dominanz aus. Er hinterläuft ständig, ist offensiv präsent - und das hatte er schon mit 15 intus.

    Und wem prognostizieren Sie noch den großen Sprung?

    Wenn alles normal hergeht, dann sollte Marco Djuricin explodieren. Dazu müsste er aber verletzungsfrei bleiben. Bei ihm stimmt die Einstellung jetzt komplett - da war ich früher skeptisch. Er ist ein moderner Stürmer mit Torinstinkt. Aber seine Zeit als Talent ist vorbei, er muss aus diesem Schatten heraussteigen. Auch Leo Kaufmann hat Potential und Wille. Er ordnet dem Fußball alles unter.

    Und Valentino Lazaro?

    Vom Talent her ja. Jetzt muss er arbeiten. Zum Glück trainiert er unter Roger Schmidt - da wird er gefordert. Eine gute Chance hat auch Sascha Horvarth. Quirlig, technisch versiert - aber er muss noch seinen Körper adaptieren.

    Machen wir einen harten Cut. Die Bundesliga schwankt zwischen Genialität und Wahnsinn. Die Austria hat sich in der Champions League gut gemacht, mit Salzburg hat ein Klub endlich ein probates Konzept. Auf der anderen Seite gibt es neun Klubs mit Einheitsbrei-Fußball, Schwarzgeld-Verdacht, Zuschauerschwund und den Wettskandal.

    Der Zustand des österreichischen Fußballs stimmt mich ziemlich traurig. Das ist jetzt keine Verallgemeinerung, aber unsere Trainer ähneln sich alle sehr. Neun Bundesliga-Vereine sind optisch nicht zu unterscheiden. Sie versuchen ein sogenanntes Pressing zu spielen, das mit Pressing, wie es zum Beispiel Salzburg spielt, nichts zu tun hat.

    Führen Sie das bitte näher aus.

    Das ist leicht erklärt: Es reicht nicht, wenn eine Sturmspitze, auf einen Verteidiger hinläuft, wenn der Rest der Mannschaft 30 Meter dahinter wartet. Bei Salzburg sieht man, dass immer in Zonen gearbeitet wird, um ein Überzahlspiel zu erzeugen. Das ist mit enormer Laufbereitschaft verbunden. Die Salzburger werden nur gestört, wenn der Rasen so schlecht ist wie in Grödig oder Liebenau. Dann kann kein Kombinationsspiel aufgezogen werden. Denn sie versuchen bei Ballgewinn blitzschnell auf Offensive umzuschalten, was aber nicht möglich ist, wenn sie vier bis fünf Ballkontakte benötigen.

    Und die anderen Vereine?

    In Salzburg wird gut gearbeitet. Die anderen Vereine probieren es halt. Aber das ist mir zu wenig. Mein Kritikpunkt: Es ist zu einfach, Cheftrainer zu werden. Ich bin Verfechter des Schweizer Modells, dass jeder Trainer einige Jahre als Co-Trainer arbeiten sollte, bevor er vorrückt. Dort sollten sie analysieren und in ständiger Kommunikation zum Cheftrainer stehen und nicht einfach Hütchen aufstellen. Das perfekte Beispiel ist das Duo Stöger/Schmid.

    Aber leider gibt nicht jeder Cheftrainer Macht und Kompetenz an den Assistenten ab.

    Klar. Was passiert bei uns? Man wird sofort in die erste Reihe gelassen. Und es ist ein Unterschied, ob ich Amateure trainiere, wo es darum geht, einzelne Spieler für oben zu entwickeln, oder im Profibereich bin. Bis auf Zoki Barisic war ja fast kein Bundesliga-Trainer Assistenztrainer. Das ist eine große Problematik.

    Die Trainerausbildung selbst ist in Ordnung?

    Die Trainerausbildung wurde neu reformiert, da muss man abwarten, wie sich die ersten Jahrgänge in der Praxis machen. Ob die Inhalte großartig geändert wurden, kann ich nicht beurteilen. Drei bis vier Jahre müssen wir sicher abwarten. Hoffentlich wird das Ergebnis besser als bisher.

    Bei welchen Bundesliga-Trainern sehen Sie in der Spielidee positive Ansätze?

    Mir gefällt Oliver Lederer von der Admira. Da ist viel Innovation drinnen - und das bei minimalen Mitteln. Da sieht man eine Spieler- und Mannschaftsentwicklung. Adi Hütter hat bei Grödig die Aufstiegseuphorie hervorragend genützt und gut gearbeitet. Durch den Manipulationszirkus in Grödig hat er viel verloren. Er musste die Mannschaft umbauen. Und dann war auch noch seine Zukunft in Frage. Die Spieler merken das. Der Liga-Rest ist fleißig und bemüht.

    Würden Sie Adi Hütter zur Austria holen?

    Ja.

    Bei unserem letzten Interview haben Sie Salzburg sehr hart kritisiert. Was hat sich seither verändert?

    Rangnick hat Schmidt massiv den Rücken gestärkt. Gemeinsam haben sie Konzepte entwickelt. Und Konzeptfußball ist in Österreich hundertprozentig erfolgreich. Sie haben natürlich auch Spieler, die sehr hungrig und gierig sind. Und diese Spieler haben sich weiterentwickelt - das ist Trainerqualität. Das sogar auf einer Ebene, die man einem österreichischen Klub kaum zugetraut hat. Basel konnte Salzburgs Fußball erkennen. Und da sieht man den Unterschied zu unserer Liga. Alle Vereine spielen viermal gegeneinander und fast kein Klub hat bis jetzt eine gute Gegneranalyse zustande gebracht.

    Mit der fehlenden Gegneranalyse kommen die Bundesliga-Trainer auch darum davon, weil Experten genauso drauf pfeifen.

    Man darf sich in Österreich ja nicht wehtun. Ich bin ja auch schon der böse Besserwisser, weil ich Fehler aufzeige. Bei den Experten geht es in erster Linie um Entertainment. Aber ich glaube, dass man den Zuschauern wesentlich mehr zumuten könnte.

    Abseits der Kritik: Was ist Ihre Fußball-Philosophie?

    Ich bin nach wie vor von Osim beeinflusst. Wenn man sein Spiel in das Jahr 2014 transferieren würde, bräuchte man viele polyvalente, schnelle und vor allem reaktionsschnelle Spieler. Und: Worauf ich viel Wert legen würde, sind spielstarke Innenverteidiger und Sechser.

    Hochwertige Sechser und Innenverteidiger sind wohl schwer nach Österreich zu locken.

    Dann muss man an diesen Eigenschaften tagtäglich trainieren. Zudem müsste die Selektion in den Akademien präziser verlaufen. In Österreich reicht es für einen Innenverteidiger, wenn er groß und kopfballstark ist. Weit schießen sollte er auch können. Aber unsere Spieler sind ja intelligent, manche Sachen würden sich trainieren lassen. Ich glaube, dass eine Mannschaft, die in Österreich das Spiel früh organisiert, erfolgreicher ist.

    Welches System, in welcher Variabilität auch immer, würden Sie praktizieren?

    2-5-3.

    Und das wird mit weiten Bällen nicht überlaufen?

    Unter starkem Pressing würde sich in Österreich kaum eine Mannschaft finden, die souverän hinten herausspielen kann.

    Springen wir. Ich habe vorhin Schwarzgeldzahlungen angesprochen. In Ihrer aktiven Zeit war das noch gang und gäbe. Ist das Problem noch aktuell?

    Wo es noch immer eine Grauzone gibt, ist bei Wohnungen und Autos. Wenn der Verein ein Auto zur Verfügung stellt, müsste er einen Teil ans Finanzamt bezahlen.

    Sie erzählen in Ihrem Buch, wie Sie in Ried monatlich mit einem Losungswort zu Bank gehen mussten, um Bargeld zu bekommen.

    Das war äußerst dubios. Am 10. des Monats habe ich eine gewisse Summe bar bekommen. Damit kam ich auf den Betrag, der im Vertrage stand. Es wäre möglich, dass so Teile des Gehalts nicht versteuert wurden. Mir wurde zunächst empfohlen, eine Selbstanzeige beim Finanzamt zu erstatten. Mein Anwalt hat mir abgeraten, weil ich als Angestellter davon ausgehen kann, dass alles korrekt versteuert wurde. Ich denke, Dominique Taboga meinte genau das: Gewisse Zahlungen sind nicht öffentlich deklariert.

    Sie kennen Taboga persönlich sehr gut. Wie haben Sie die Causa erlebt?

    Traurig. Dominique ist mir sehr ans Herz gewachsen. Ich stehe noch immer zu unserer Freundschaft. Sein Fehler ist schlimm. Auch weil er eine ganze Branche in Verruf gebracht hat. Bei jedem Aussetzer wird nun von Manipulation gesprochen und das tut weh. Ich glaube an Einzelfälle. Es ist nicht die ganze Liga verschaukelt. Ich wünsche mir nur, dass er restlos aufklärt. Diesen Rat habe ich ihm auch gegeben. Für mich ist der Mensch Taboga ein netter, freundlicher und intelligenter Bursche. Er war in der Trainerausbildung sehr gelehrig - ich hätte ihm eine Karriere als erfolgreicher Trainer prognostiziert. Wir konnten stundenlang über taktische Maßnahmen und Trainingssteuerung diskutieren.

    Der österreichische Fußball war schon immer ein Kuriositätenkabinett. In einem Kapitel erzählen Sie, wie Sie Ried-Präsident Deschberger zum Verlieren auffordert.

    Dieses Schauspiel hat ja schon früh begonnen. Als wir mit Ried außer Abstiegsgefahr waren, kamen Fragen, wie "warum noch Kasernieren?", oder "warum ein 18-Mann-Kader?". Dagegen habe ich mich immer gewehrt. Man kann von Spielern nicht verlangen, drei Monate professionell zu leben, um dann, wenn man außer Gefahr ist, einfach ein bisschen zu Kicken. Gegipfelt hat es mit der Aufforderung, das Spiel gegen Bregenz absichtlich zu verlieren, um Prämien zu sparen. Wir haben gewonnen und ich war dann der erste Trainer, der VOR einer Niederlagenserie gehen musste. Wir haben aus den vorigen drei Spielen immerhin sieben Punkte geholt - vier gegen Rapid.

    Abschließend: Viele wissen nicht, dass Sie die Austria Ende der 90er Jahre beauftragt hat, Ivan Osim von Sturm nach Favoriten zu locken. Wie knapp scheiterte der Versuch?

    Osim fühlte sich sehr geschmeichelt. Für ihn war es ein Gesetz der Höflichkeit, sich das Angebot anzuhören. Ich war damals felsenfest davon überzeugt, dass Osim die Austria zum Topklub gemacht hätte. Die Austria hat versucht, ihn mit allen Mitteln zu locken. Theater, Kultur - Dinge, die Osim liebt. Er hat ernsthaft überlegt, aber dann gesagt: "Es ist mutiger zu bleiben, als zu gehen."

    Das Buch "Helmut L. Kronjäger: Das L steht für Leben" hat 264 Seiten und ist unter www.magazinshop.at und im gut sortierten Handel für 19,80 Euro erhältlich.

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