Alfred Tatar Waffen gewinnen
 
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Alfred Tatar: "Waffen gewinnen Spiele"

Im sport10.at-Interview spricht Alfred Tatar über Waffen, Brechstangen, Taktik und erklärt, wieso Ex-Fußballer die besseren Trainer sind.

24.01.2013 | 08:31 | (sport10)

Alfred Tatar wird zu Österreichs Fußballintellektuellen hochstilisiert. Und das, obwohl seine First Vienna FC "eine moderne Variante des Brechstangenfußballs" praktiziert, wie er selbstironisch erklärt.

Im sport10.at-Interview erklärt Tatar, wieso Mannschaften Waffen benötigen und warum Philipp Hosiner eine solche ist. Zudem spricht Tatar über Taktik und hält Ex-Fußballer für bessere Trainer

sport10.at
: Herr Tatar, Platz acht in der Tabelle. Wie sieht ihr Zwischenfazit aus?

Alfred Tatar: Wir haben mehr erreicht, als man sich erhoffen konnte. Wir mussten eine neue Mannschaft aus dem Boden stampfen. Solche Bedingungen sind eigentlich nicht zuträglich. Es herrscht keine Kontinuität.

Ihre Mannschaft ist sehr jung, mit Hattenberger, Djokic und Co. gingen einige arrivierte Spieler. Könnte das im Abstiegskampf zum Verhängnis werden?

Es geht nicht um junge oder alte Spieler. Die anderen Mannschaften haben auch viele Junge dabei. Was die Vienna ausgezeichnet hat, ist eine starke Defensive. Der Schlüssel gegen den Abstieg ist eine stabile Hintermannschaft. In einigen Spielen haben wir viele Gegentore erhalten, das hat geschmerzt. Wir brauchen aber auch mehr Ballbesitz. Was wir spielen, ist eine moderne Variante des Brechstangenfußballs (lächelt).

Trainer lassen so spielen, dass sie Erfolg haben. Und ein bewährtes Sprichwort heißt: Offensive gewinnt Fußball, Defensive Meisterschaften.
Sind Sie ein Liebhaber des Defensiv-Fußballs?

Darum geht es nicht. Es geht darum, den Abstiegskampf bestmöglich zu bestreiten. Ich möchte ein Verfechter von Fußball sein, der Erfolg hat. Das ist überall so. Und so leid es mir tut, solange so viel Geld in diesem Spiel ist, wird sich daran auch nichts ändern. Trainer lassen so spielen, dass sie Erfolg haben. Und ein bewährtes Sprichwort heißt: Offensive gewinnt Fußball, Defensive Meisterschaften.

Fans wollen ein Team mit "Vienna-Herz" sehen. Ein Funktionär meinte zu mir, Fußballer wären sich wie die meisten Menschen selbst am nächsten und würden lediglich einen Beruf ausüben. Sehen Sie das auch so?

Jeder muss für sich selbst entscheiden, mit welcher Einstellung er an die Sache geht. Ich möchte mir jetzt aber nicht anmaßen, über eine Fußballer-Generation zu urteilen.

Hat sich da etwas zu ihrer aktiven Zeit verändert?

Nein, da hat sich aus meiner Sicht wenig geändert.

Hosiner besitzt eine Waffe. Schnelligkeit gepaart mit Abschlussvermögen.
Ihr ehemaliger Schützling Philipp Hosiner ist auf der Durchreise nach oben. Ist der Sprung von der zweiten Liga in die erste nicht mehr so groß?

Doch, der Sprung ist sehr groß. Viele Spieler, die in unserer Liga gut agiert haben, tun sich oben schwer. Hosiner ist einer der wenigen, der den ganz großen Sprung geschafft hat.

Wie beurteilen sie Hosiner?

Die Antwort ist ganz einfach: Er besitzt eine Waffe. Schnelligkeit gepaart mit Abschlussvermögen. Wenn ich einen Innenverteidiger habe, der eine Waffe besitzt in dem er gut tacklen kann, oder einen Mittelfeldspieler, der gute Wechselpässe schlägt, dreht sich das Getriebe nach oben. Wenn man eine Mannschaft besitzt, in der sich nur Spieler ohne Waffen tummeln, werde ich nichts reißen.

Die Austria ist im Großen und Ganzen gleich wie im Frühjahr. Damals waren sie grottenschlecht und jetzt sind sie gut.
Die Austria ist im Großen und Ganzen gleich wie im Frühjahr. Damals waren sie grottenschlecht und jetzt sind sie gut. Und warum? Sie haben jetzt eine Waffe, die vorher nicht da war. Hosiner sorgt für Tore, hat Selbstvertrauen. Das ist eine sich selbst ernährende Spirale nach oben. Auch international prägen Spieler, die Waffen besitzen, das Spiel. Und ohne sie kann man nichts gewinnen.

Was ist für ihn möglich?

Einiges. Wenn ich Jimmy Hoffer ansehe, der den Sprung in die Bundesliga geschafft hat, braucht Hosiner den Vergleich nicht scheuen. In den nächsten ein bis zwei Jahren wird er in der Deutschen Bundesliga auftauchen.

Jimmy Hoffer hätte auch eine Waffe, kann sich aber nicht durchsetzen.

Aber er ist dort hingekommen. Napoli hat ihn nicht aus Lust und Laune geholt. Er hat wie Hosiner eine Waffe. Das ist das Um und Auf.

Wir sollten nicht, ähnlich wie in der Relativitätstheorie, davon ausgehen, dass es ein bevorzugtes Bezugssystem gibt. Bevorzugte Bezugssysteme sind diejenigen, die wir selber bevorzugen.
Sie meinten einmal, der Fußball wäre damals, als sie spielten, eine andere Sportart gewesen.

Die Athletik ist eine gänzlich andere. Wenn man heute Spiele von damals sieht, fällt eine Steifigkeit auf. Die Beweglichkeits-Komponente ist jetzt sehr ausgeklügelt. Die Spieler sind klug trainiert und gehen nicht ohne ohne Plan und Ziel in die Kraftkammer, wie es damals war. Das Beweglichkeitstraining hat riesige Fortschritte gemacht. Von Stretching war gar nicht die Rede, auch wenn das jetzt nicht mehr der letzte Schrei ist.

In einer Beziehung geht der Fußball einen Schritt zurück. Manchester City, Napoli, Juve und Inter spielen wieder mit einer Dreierkette und sogenannten "Wing-Backs". Wie ist das zu erklären?

Wir sollten nicht, ähnlich wie in der Relativitätstheorie, davon ausgehen, dass es ein bevorzugtes Bezugssystem gibt. Bevorzugte Bezugssysteme sind diejenigen, die wir selber bevorzugen. Aber nichts, um dem Gegner überlegen zu sein. Das 3-5-2, mit den Außenspielern die sich zurückfallen lassen, ist nur ein Aspekt, wie man glaubt, eine Saison erfolgreich zu bestreiten.

Als Arrigo Sacchi in den 80er-Jahren die Viererkette mit Raumdeckung im großen Stil eingeführt hat, dann war das einfach die richtige Antwort auf die damalige Spielweise aller anderen Mannschaften.
Als Arrigo Sacchi in den 80er-Jahren die Viererkette mit Raumdeckung im großen Stil eingeführt hat, dann war das einfach die richtige Antwort auf die damalige Spielweise aller anderen Mannschaften. Heute schaut man sich um, was für Ressourcen da sind. Da sind alle Spielarten möglich. In den 70er-Jahren waren Manndecker üblich. Ich glaube es wird nicht lange dauern, bis das wieder kommt.

Was bei Standardsituationen wieder der Fall ist.

Da gibt es die verschiedensten Möglichkeiten, von Raum- bis Misch- über Manndeckung. Aber es wird weiter versucht werden, Räume zu schließen, indem man einen weiteren Spieler hineinstellt. Diese Deckung wird noch zentrierter auf den Mann sein und Spieler wie Messi im Bewegungsradius einengen.

Deckung wird noch zentrierter auf den Mann sein und Spieler wie Messi im Bewegungsradius einengen.

Im Bereich des Taktischen ist alles möglich, sofern Trainer da sind, die Standing haben und Zeit bekommen. Fußball erfindet man nicht neu, sondern es sind altbewährte Dinge, die in einem neuen Gewand auftreten.

Im zweiten Teil des sport10.at-Interviews erklärt Alfred Tatar, wieso Ex-Kicker die besseren Trainer sind und stellt eine provokante Frage. Blättern Sie um!

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