Peter Kuranda

17.04.2012
18:52

Das große Schweigen

von Peter Kuranda

Das Nervenflattern bei Mourinho und Co. vor den entscheidenden Partien.

Während Uli Hoeneß in einem Interview vor dem Kracher im Champions League-Halbfinale gegen Real Madrid wiedermal große Töne spuckt und auch gleich den gesamten spanischen Fußball an den Pranger stellt ("Es ist inakzeptabel, dass die Klubs dem Staat 750 Millionen Euro schulden, während wir dem Land aus der Krise helfen."), werden in der spanischen Hauptstadt kleinere Brötchen gebacken, zumindest medientechnisch.

José Mourinho hingegen hat in den letzten Wochen kategorisch die Mikrofone gescheut und sich nur von den UEFA-Statuten zu einer Pressekonferenz überzeugen lassen. Der schlaue Portugiese ist sich bewusst, dass der Medienrummel dieser Tage größer denn je zuvor sein wird. Das riesige Verlangen nach dem zehnten Triumph in der Königsklasse, eine negative Bilanz gegen Bayern München (zehn Bayern-Siege gegenüber sechs der Madrilenen in 18 Begegnungen) und bei einer Niederlage im "clásico" am Samstag nur noch ein Punkt Vorsprung auf Barça. Der Portugiese flüchtet vor den Kameras und geht, angesichts all dieser Widrigkeiten, auf Tauchstation, zur Empörung der hiesigen Journalisten.

Abseits des Medienrummels in Madrid und München sind auch seine Spieler dazu angehalten das Luxushotel Westin Grand München nur zur lockeren Trainingseinheit zu verlassen. Auch im nicht minder luxuriösen Hotel Rey Juan Carlos I, wo die "Königlichen" passenderweise ab Freitag in Barcelona gastieren werden, gilt die Devise "Schweigen ist Gold." Dabei braucht sich das "weiße Ballett" mit seinen drei Hauptakteuren Ronaldo, Benzema und Higuaín nicht vor Gomez, Ribéry und Robben zu verstecken; auch nicht vor Messi, Alexis und Fábregas. Dennoch, Mourinho hat diesmal den Schwanz wahrlich eingezogen und zeigt sich extrem vorsichtig dieser Tage, nicht nur auf dem Platz mit seiner Triple-Sechs die er in den Entscheidungsspielen zu nutzen pflegt, sondern auch abseits davon.


Barcelona-Coach Guardiola schlägt in eben diese Kerbe und weilt bereits seit Montag in London, um das Team von der Aufruhr in ganz Katalonien fernzuhalten. Sieht man Barça doch in den Medien bereits im Champions League-Finale und auch als erneuten Meister, dank der großartigen Form der letzten Wochen (14 Siege aus 15 Spielen). Guardiola, ansonsten kein Freund seine Mannen tagelang einzukasernieren, kommt erst am Donnerstag nach Barcelona zurück. In der Zwischenzeit kämpft er einen aussichtslosen Kampf gegen die ausgebrochene Euphorie im ganzen Land. Gegen die etlichen

Wiederholungen des Iniesta-Tores gegen Chelsea 2009, kommen aber auch seine aus der Ferne gesprochenen Worte zur Bescheidenheit nicht an. Schließlich gilt dieser Last-Minute-Treffer als Beginn des anhaltenden Hochs der Katalanen die in dieser Saison gleich sechs Titel (!) holen können.
Die Protagonisten der beiden Klubs üben sich also in Zurückhaltung, während Medien und Stammtische in ganz Spanien nicht wissen ob sie zuerst über das Champions League-Halbfinale diskutieren sollen oder besser doch gleich über den „clásico" im Camp Nou.

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Peter Kuranda ist ein fußballverrückter Wiener der seit einigen Jahren in Barcelona lebt. Er verdiente seine ersten journalistischen Sporen bei den NÖN, um später in Salzburg Sportjournalismus zu studieren. Nach einem einjährigen Gastspiel in der Sportredaktion der Kronen Zeitung, verschrieb er sich der Welt der Sportwetten und heuerte bei Interwetten im Marketing an. Derzeit bringt er ein wenig Geradlinigkeit in den anderen Fußballklub Barcelonas und versorgt uns wöchentlich mit einem Blick auf die spanische Fußballwelt.

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